von Hubertus Mynarek
Wie ungemein zäh das in Kindheit und Jugend eingeprägte kirchliche Gottes- und Jesusbild nachwirken kann, sehe ich an vielen christlichen Theologen, Schriftstellern und Journalisten, die immer noch an ihm hängen und kleben. Nicht, dass sie ihren Glauben an Jesus und seine absolute ethische Vollkommenheit so simpel und schlicht ausdrücken würden wie die Amtskirche und die von ihr herausgegebenen Lehrschreiben und Katechismen. Nein, sie formulieren selbstverständlich viel eleganter, moderner, differenzierter, subtiler und sublimer, lassen auch alles zu Anstößige in den kirchlichen Verlautbarungen weg, wie z.B., dass der zornige Gottvater sich nur durch das Blut seines Sohnes besänftigen ließ, dass Blut nunmal eine zutiefst christliche Kategorie ist, wenn es um Sünden und Schuldvergebung geht.
Aber eines, und zwar das Wichtigste, haben alle diese Theologen, Buchautoren und Journalisten mit dem kirchenamtlichen Jesusbild gemein: das permanente Herausstellen seiner unbedingten Vollkommenheit. Auch dabei verfahren sie natürlich nicht so langweilig wie die Amtskirche, die monoton ewig dieselben Formeln verwendet, um die göttliche Vollkommenheit Jesu zu rühmen. Nein, sie erfinden zur Veranschaulichung der Perfektheit des Nazareners ständig neue Bilder, Formulierungen, Attribute, präziser ausgedrückt: Sie entnehmen dem jeweiligen Zeitgeist das, was dieser gerade für das Höchste, Wertvollste, Idealste, Effektvollste hält und sprechen dann ihrem Jesus diese attraktivsten Eigenschaften exemplarisch zu. Selbst wenn sie mal ausnahmsweise in erkenntnistheoretischer Hinsicht einen Mangel bei Jesus einzuräumen bereit sind, wie z. B. in Bezug auf seine irrtümliche Naherwartung des Endgerichtes und des Reichs Gottes, zeigen sie doch keinerlei Bereitschaft, die geringsten Abstriche an der makellosen sittlichen Überlegenheit Jesu zu dulden.
Natürlich versteht und artikuliert jeder christliche Jesus-Autor den Zeitgeist ein wenig anders als seine Kollegin, sein Kollege, schreibt deshalb auch dem Nazarener jeweils ein paar andere Vollkommenheitsnuancen zu als diese anderen. So entsteht ein buntes Kaleidoskop ähnlicher, aber doch nicht ganz deckungsgleicher Jesusbilder, aus deren Angebot sich je nach Wunsch, Stimmung, Interesse und Bedürfnis die Gläubigen beliebig bedienen können. Es ist ein großes Warenhausangebot, und die Kirche sieht es nicht ungern, wenn ihre verstaubten Artikel auf diese Weise aufgefrischt und aktualisiert werden.
Die Kirche ist katholisch, allumfassend, will das Evangelium allen Geschöpfen, aller Kreatur predigen, also muss auch ihr Jesus für alle Völker, Kulturen, Ideologien, Weltanschauungen, Zeit- und Modeströmungen der Richtige und Allerbeste sein. Also muss Jesus der Mensch für alle Menschen, »der Mensch für andere« (Dorothee Sölle[1]) sein, obwohl der Jesus der Evangelien sich doch nur als »zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt« empfand (Mt. 15,24). Und so ist denn Jesus, aus allen, aber auch allen möglichen Perspektiven betrachtet, der Perfekteste. Er ist der Größte, »befreiungstheologisch gesehen«[2], der Größte, »existentiell gesehen«[3], der Größte, »kosmisch gesehen«[4], der Größte, »mystisch gesehen«[5], der Größte, »archetypisch gesehen«[6], der Größte, »therapeutisch gesehen«[7], der Größte, »solidarisch gesehen«[8], der Größte, »lateinamerikanisch«[9], »afrikanisch«[10], »asiatisch«[11], überhaupt »multikulturell«[12] gesehen, ja selbst der ungeheuer »Faszinierende«, wenn man ihn »islamisch«[13], »hinduistisch«[14], »buddhistisch«[15], »jüdisch«[16] und sogar »atheistisch«[17], »marxistisch«[18], »rebellisch«[19] und »philosophisch«[20] betrachtet. Dass Jesus auch »päpstlich gesehen«[21] der Vollkommenste ist, versteht sich von selbst.
Bei all den aufgeführten Blickwinkeln, unter denen Jesus als der Perfekteste hingestellt wird, fehlt für mindestens die Hälfte der Menschheit noch eine äußerst wichtige Perspektive: Jesus als der für die Frauen Größte, Wichtigste, Bedeutsamste, Liebevollste. Auch christliche Apologeten haben schon bemerkt, dass das heute bereits die wohl wichtigste Perspektive ist.
Die Emanzipation der Frau, der Abbau der Vormachtstellung der Männer ist unumkehrbar. Der Brutalo, der Rambo, der Macho feiert zwar gelegentlich Überraschungserfolge, aber das ändert nichts daran, dass die Epoche der Arroganz, der Überlegenheit und Überheblichkeit des Mannes gegenüber der Frau endgültig zu Ende geht. Dementsprechend muss dem Mythos vom vollkommenen, fehlerfreien Jesus in unserer Epoche eine neue Perfektionsvariante beigefügt werden: die des »ersten neuen Mannes« (Franz Alt), der so ganz anders mit den Frauen umging als alle seine Geschlechtsgenossen vor ihm und weitgehend noch nach ihm in den letzten zwei Jahrtausenden; der ihnen alle Freiheit, Gleichheit, Gleichberechtigung nicht nur theoretisch zusprach, sondern das alles auch in seinem Verhalten und Handeln exemplarisch vorexerzierte.
Und so finden sich denn auch schon genügend Schreiber und Autorinnen auf dem Markt, die Jesus, ebenfalls »feministisch«[22] und »erotisch gesehen«[23], als den einfach nicht mehr zu Überbietenden anpreisen. Dabei wird das Kunststück fertiggebracht, den Nazarener als faszinierendes Objekt weiblicher Begierde zu schildern, der Frauen erotisch unerhört anzog, sie »verrückt« nach sich machte[24], dabei jedoch selbst von allen amourösen sinnlichen Anwandlungen frei blieb.
Den Vogel in dieser Hinsicht schießt Franz Alt ab. Es ist ja auch klar, dass er als Fernsehmann die Zeichen der Zeit schneller als mancher Theologe oder Kleriker erkennt, auch wenn Alt demütig beteuert, von Frauen wie Christa Mulack und Hanna Wolff oder Theologen wie Eugen Drewermann und Karl Herbst gelernt zu haben.[25] Aber der eigentliche Zauberkünstler, als der er bisweilen im lockeren Abendprogramm von New-Age-Kongressen auftritt, ist doch er selbst. Und er zaubert einen neuen Jesus aus dem Hut, weil der alte nichts erneuert, nichts moralisch gebessert hat. »Es geht heute um einen neuen Jesus, um ein neues Bild von ihm, nachdem wir mit dem alten Jesus-Bild nichts wirklich neu gemacht haben.«[26]
Wenn die Kirche nicht die Hälfte ihrer Mitglieder, nämlich die Frauen, verlieren will, müssen ihre selbsternannten Retter aufs Tempo drücken. Und im neuen Jesus-Bild muss dieser vor allem als der große Frauen-Emanzipator ausgemalt werden. Zwar ist dieser Frauenbefreier zugegebenermaßen aus den Träumen Franz Alts geboren, der sich dabei der Traumanalysen C. G. Jungs bedient, aber natürlich ist es der »wirkliche Jesus«[27], der sich auf diese Weise herausschält. »Um Missverständnissen vorzubeugen«, betont Alt, »die Tiefenpsychologie zeigte mir den neuen Weg zur Quelle. Die Quelle, aus der ich schöpfe, ist Jesus.«[28] Kein Zweifel, der ehemalige Theologiestudent und heutige katholische Journalist Franz Alt hat seine Lektion kirchlicher Dialektik gut gelernt und kann sie anwenden, wann immer es nötig ist. Denn auch das neue Jesus-Bild des Frauenbefreiers muss ja schon wieder erweitert und ergänzt werden, weil neue Problemgruppen auftauchen. Glücklicherweise hat nach Alt der »wirkliche Jesus« das alles schon vorher gewusst, gelebt, praktiziert. So beeilt er sich denn, in Jesus, dem »Freund der Frauen«, auch noch den »Freund der Alten und der Asylbewerber, der Aids-Kranken und der vielen alleinerziehenden Mütter und Väter«[29] zu entdecken, Ja, auch ein neues Buch hat der Umtriebige schon wieder herausgebracht, in dem er Jesus als den »ersten und größten Ökologen« preist.
Ist der Jesus, wie ihn die Evangelien zeichnen, wirklich »das leuchtende Beispiel für sich emanzipierende Frauen und Männer«[30]? Alt betont zwar, dass »nur über unsere Seele und über unsere Träume, die wir Nacht für Nacht als göttliche Botschaften von der Seele empfangen«, Heilung, Umkehr und Wahrheit erfolgen können: »für jeden einzelnen, für die Gesellschaft, für die Menschen«[31]. Aber es muss uns dennoch erlaubt sein, nüchtern, traumlos, ohne göttliche Nacht-Botschaften das zu untersuchen, was in den Evangelien tatsächlich über Jesu Verhalten steht.
Wenn wir das tun, dann zeigt sich gleich auf den ersten Blick: Die Evangelisten bemühen sich zwar redlich, Jesus zu erhöhen, zu idealisieren, aber so raffiniert wie die späteren Theologen waren sie noch nicht. Aus den Evangelien tritt uns – wie wir immer wieder sehen – ein Mensch mit Widersprüchen, Fehlern und Unvollkommenheiten entgegen. Und das gilt auch für sein Verhältnis zu Frauen. Jesus erscheint hier als Mann mit allen Vorzügen und Nachteilen, mal schroff-patriarchalisch, überlegen, selbstherrlich, mal moderat-patriarchalisch, gütig, gelassen, barmherzig wie ein sanfter Macho, der aber nie vergisst, dass er es ist, der die Zügel in der Hand hält und behalten muss.
Also wie war Jesus wirklich, wenn er denn existiert hat? Wie er wirklich war, wenn er war, kriegen wir mit Sicherheit nie heraus. Die vier von der Kirche anerkannten, sogenannten kanonischen Evangelien entstanden viele Jahrzehnte nach seinem etwa um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung angesetzten Tod. Und im Grunde zeichnen uns nur diese vier sowie eine ganze Reihe apokrypher, von der Kirche nicht anerkannter Evangelien einen jeweils anders akzentuierten, teilweise sogar ganz widersprüchlichen Jesus. Die außerchristlichen Berichte aus dieser Zeit sind absolut vernachlässigbar, weil sie entweder christliche Einschübe sind, wie die dem jüdischen Autor Josephus Flavius zugeschriebene idealisierende Lobrede auf den Galiläer, oder sich lediglich auf Berichte von oder über Christen berufen.
Es ist daher absolut legitim, vom ursprünglichsten Jesus-Bild, nämlich dem der Evangelien auszugehen und es in Bezug auf die Frage der Vollkommenheit Jesu zu untersuchen. Denn wie gesagt: Die vier kanonischen Evangelien sind die Hauptquelle, ja praktisch – zusammen mit noch einigen einigermaßen seriös klingenden Aussagen Jesu in den apokryphen Evangelien – die einzige Quelle unseres hypothetischen Wissens über Jesus von Nazareth. Sollten wir mit dieser Methode dem historisch-realen Jesus, wenn es denn diesen gegeben haben sollte, in seinen Verhaltensweisen nicht entsprechen, so entsprechen wir auf jeden Fall dem Jesus der Evangelien, und einen anderen kennt niemand! Auch die die Offenbarung Gottes in Christus vermeintlich allein legitim und richtig interpretierende römisch-katholische Amtskirche nicht.
Bedient sich doch die Kirche, auch die evangelische und im Grunde auch alle kirchlichen Exegeten, Theologen und Prediger, derselben Methode, nur dass sie wegen ihres dogmatischen Gottes- und Jesusbildes die verschiedenen Textstellen der Evangelien anders, nach einer vorgefassten Meinung, interpretiert. Aber was die Kirche und alle »Verteidiger des Christentums« den Menschen als authentischen Jesus anpreisen, ist zur Gänze den Evangelisten entlehnt. Für jeden Aspekt, jede Eigenschaft ihres Jesus berufen sich die Kirche und ihre Schriftgelehrten auf gewisse Textstellen der Evangelien. Die Amtskirche ist hier sogar ein bisschen ehrlicher als ihre inoffiziellen Zuarbeiter. Sie betont offiziell und verbindlich für ihre Gläubigen, dass »die Bücher des Alten wie des Neuen Testaments in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch« gelten müssten, »weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben ... Zur Abfassung der heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm dazu dienen sollten, all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern. Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in Heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte«.[32]
Stützen wir uns also auf die Schrift, auf die Evangelien als Basis unserer Forschung genau wie die Kirche und im Grunde auch alle ihre Exegeten und Theologen. Nur befragen wir die Evangelientexte unvoreingenommener, vorurteilsfreier, unverklemmter als sie, ohne ideologische Brille.
Was kommt dann heraus? Um es gleich vorweg zu sagen: Der Jesus der kanonischen Evangelien weiß nichts von seiner absoluten sittlichen Vollkommenheit, die ihm doch die Kirche offiziell-dogmatisch und alle Theologen im Schlepptau der Kirche attestieren. Er weiß nichts von seiner totalen Sündenlosigkeit. Vielmehr lässt er sich im Jordan von Johannes dem Täufer wie alle anderen Sünder und Buße Tuenden taufen (Mk. 1,1-9). Er herrscht den Mann, der vor ihm auf die Knie fällt und ihn mit »Guter Meister« anredet, schroff an:»Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen« (Mk. 10,17f). Von der Trinität, der allerheiligsten Dreifaltigkeit Gottes scheint dieser Jesus also auch noch nichts gewusst zu haben.
Gar nicht dem Bild eines großen Humanisten entspricht Jesus, wenn er brutal und rücksichtslos die Städte verflucht, die ihn nicht willkommen heißen, obwohl sie im Grunde nichts Böses getan haben. Sie hatten sich lediglich »erfrecht«, ihn, den Gesandten Gottes, nicht aufzunehmen. »Amen, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt« (Mt. 10, 15; 11, 24). »Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen« (Mt. 11,23; ähnlich Lk. 10,15). Gehässig-verächtlich, aber feierlich deklariert der Gottgesandte: »Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück« (Lk. 10,11).
Überhaupt scheint das Vergeltungsprinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn« im Denken des biblischen Jesus eine nicht unbedeutende Rolle gespielt zu haben, auch wenn er in der sogenannten Bergpredigt das Gegenteil betont. Zum Beweis sei das »Gleichnis von den bösen Winzern« angeführt. In diesem Gleichnis vergleicht Jesus Gott mit einem Gutsbesitzer, der einen Weinberg anlegt. Übereinstimmend identifizieren christliche Exegeten diesen Weinberg mit Israel. Auch die »Einheitsübersetzung« der Bibel, herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, Luxemburgs usw. sowie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Evangelischen Bibelwerks betont ausdrücklich auf Seite 1115: »Mit dem Weinberg Gottes ist Israel gemeint«. Der Gutsherr, der seinen Weinberg an Winzer verpachtet und dann verreist, ist also Gott, der seinem auserwählten Volk sein Reich zur treuen Verwaltung übergibt. Aber Gott wird von Israel schwer enttäuscht. Wie die Winzer die Knechte und selbst den Sohn des Gutsbesitzers, die für ihn den »Anteil an den Früchten« abholen wollen, umbringen, so hat auch Israel die gottgesandten Propheten getötet. Dafür muss nun Rache geübt werden. »Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben« (Mk. 12, 9). »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden ... Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt“ (Mt. 21, 42 f.; vgl. Mk. 12, 10f.).
Es waren solche Stellen im Neuen Testament, die die biblische Grundlage für die Verfolgung der Juden in vielen Jahrhunderten christlicher Herrschaft lieferten.[33] Ein Volk, das Gott selbst verlassen und verurteilt hatte, dürfte keine Milde seitens des »neuen« Gottesvolkes der Christen erwarten!
Der Jesus des Johannes-Evangeliums verschärft noch die Aussagen gegen Israel erheblich. In den »Streitgesprächen Jesu mit den Juden«, berichtet im 8. Kapitel dieses Evangeliums, bezichtigt er sie alle der Sünde: »... ihr werdet in eurer Sünde sterben ... Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt ... Warum rede ich überhaupt noch mit euch? ... Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde ... Ihr seid nicht imstande, mein Wort zu hören«.
Und dann folgt jener berühmt-berüchtigte folgenschwere Ausspruch, der allen Antisemiten in allen nachfolgenden Geschichtsepochen einen besonderen Offenbarungsgrund für die Verteufelung und Satanisierung der Juden lieferte. Jesus wirft ihnen nämlich vor: »Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an«. Und »er ist ein Lügner und der Vater der Lüge«. Würde er, Jesus, wie die seinen Gott verleugnenden Juden ebenfalls erklären, er kenne Gott nicht, »so wäre ich ein Lügner wie ihr«.
Es ist schon so: Seine religiöse Egozentrik und die Überzeugung von seiner keinen Zweifel und keine Einsprüche duldenden Einzigartigkeit lebt dieser Jesus hemmungslos und ganz offen aus. Denn ethisch ist es auch nicht, wenn er von anderen die bedingungslose Hingabe an seine Person verlangt. Christen machen sich überhaupt nicht das Rücksichts- und Pietätlose im Charakter Jesu klar. Sie könnten sonst aus allen Träumen vom sanften, zärtlichen, ja auch »weiblichen« Jesus fallen, wo ihnen Mytho-Theologe Drewermann doch gerade ganz aktuell die tiefe Sinnhaftigkeit dieser Träume mit großer Beredsamkeit erschließt. Welcher Kirchengläubige könnte denn auch schon mit solch radikalen Forderungen leben, wie Jesus sie stellt? »Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und seine Schwestern und dazu noch sein Leben hasst, kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht mit mir geht, kann nicht mein Jünger sein« (Lk. 14, 26f). Die meisten Christen verdrängen diesen anarchischen Jesus total aus ihrem Bewusstsein. Er steht einem kirchlichen, gutbürgerlichen, Ehe und Familie als höchste moralische Werte predigenden Christentum tatsächlich diametral entgegen; er will keinen Familien- und Gesellschaftsfrieden, »sondern Entzweiung« (Lk. 12,51ff); er tritt selbst die grundlegendsten, simpelsten Pietätsakte jeder Gemeinschaft wie das Begraben des eigenen Vaters mit Füßen: »Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber folge mir« (Lk. 9,59f).
Total auf sich bezogen proklamiert er für sich das Recht eines absoluten, monomanen Obergurus: »Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut« (Lk. 11,23).
Auch die Art, wie Jesus die Liebe auffasst, entspricht sicher nicht dem, was die Kirche unter der Vollkommenheit der Liebe versteht. Jesus preist die stadtbekannte Dirne, die Prostituierte, »weil sie viel geliebt hat« (Lk. 7,47). Vergeblich bemühen sich die kirchlichen Schriftgelehrten die Agape, die reine, geistige Liebe, in dieser Frau auszumachen. Jesus lobt sie im Gegenteil dafür, dass sie sich so richtig, fleischlich, geschlechtlich total hingegeben hat, ohne die übliche, »normale« Heuchelei von Prostituierten, die dem Freier Hingabe, Liebesseufzer, Orgasmen, Befriedigung vortäuschen, weil sie sein Geld brauchen. Die Hingabe der Dirne, die Jesus lobt, war nicht gespielt, sie liebte, das heißt: Sie brachte sich ganz ein, wollte den Männern, die zu ihr kamen, Freude schenken, aber auch selbst dabei erfreut werden.[34]
Übrigens verkehrte auch Buddha, nicht nur Jesus, mit Dirnen. Er speist manchmal im Hause eines Freudenmädchens, aber er weist dieses zurück, sobald sie sich ihm als Jüngerin anschließen will. Warum wohl? Hier liegt ein entscheidender Unterschied zu Jesus, der Frauen in seine Wandergemeinde aufnahm. Buddha, ganz auf die Erreichung des rein geistigen, körper- und weltlosen Nirwana konzentriert, will die leibliche Vereinigung, die fleischliche Vermengung zwischen Jüngerinnen und Jüngern verhindern, weil sie nur den ewigen Kreislauf der Wiedergeburt ankurbelt. Er weiß, wenn Frauen und Männer beisammen sind, passiert es. Jesus weiß das auch. Aber er hat nichts dagegen. Sie sollen Vater und Mutter verlassen und »ein Fleisch werden. So sind sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch« (Mk. 10,7). Mit sublimierender geistiger Liebe hat derlei nichts zu schaffen. In seiner »Neuen Gemeinschaft«, in der nicht mehr die Moralgesetze der Welt herrschen, in die nur Leute eingelassen werden, die Ehe, Familie, Kinder etc. hinter sich gelassen haben, wird auch die paradiesische Liebe schon vorweggenommen[35].
Es gibt genügend viele Stellen in den Evangelien, die beweisen, dass er seine eigenen erotisch-sexuellen Tendenzen, Stimmungen, Gefühle, Anwandlungen weder verdrängte noch bekämpfte. Und er war sicher kein Meister der »Selbstabtötung«. Mit Askese haben seine Vorstellungen von Heiligkeit ganz gewiss nichts zu tun. Als »Schlemmer und Zecher«, als »Fresser und Säufer«, als »Freund« der Sünderinnen und Sünder haben ihn die Zeitgenossen bezeichnet (Mt. 11,19; Lk. 7,34).
Auch seinen »Machismo« lebte er aus. Er gehörte nicht zur Spezies jener – auch unter Priestern verbreiteten – Softies, die Frauen vorgaukeln, sie seien so ganz anders als die harten Machos, total weich, zärtlich, liebevoll, mütterlich, väterlich, kindlich, je nach Bedarf und Begehren der Partnerin, nur auf Erfüllung ihrer Wünsche ausgerichtet. Wie immer er sich auch in seinen an Nuancen und Facetten reichen Begegnungen und Kontakten mit Frauen verhielt, stets blieb er hoheitsvoll, würdevoll, »der Herr« (Romano Guardini), der das Heft in der Hand behalten musste, aber von den Frauen die volle Hingabe verlangte. Als »neuen David«, als »neuen Salomo«, als König fühlte er sich auch in der Liebe.
War Jesus der »größte Ökologe aller Zeiten«, als den ihn Franz Alt eingedank des gestiegenen Stellenwerts des Umweltbewusstseins in unserer Gesellschaft zu zeichnen bemüht ist? Die große Ehrfurcht vor der Schöpfung in all ihren Dimensionen, die ihm von allen christlichen Exegeten zugesprochen wird, scheint Jesus jedenfalls nicht gehegt zu haben. Bezeichnend in dieser Hinsicht seine Verfluchung eines gänzlich unschuldigen Feigenbaums: Jesus hat Hunger, der Feigenbaum, den er deshalb ansteuert, trägt aber keine Feigen, weil, wie das Markusevangelium eigens vermerkt, es gar nicht die rechte Jahreszeit für Feigen war. Trotzdem: der Feigenbaum muss dafür büßen. Jesus verflucht ihn. »Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen. Und der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle« (Mt. 21,18f; vgl. Mk. 11,12-14).
Es scheint nicht nur die Wut darüber gewesen zu sein, dass sich der Feigenbaum ihm, dem Auserwählten und Einzigartigen, verweigert hatte. Jesus erscheint bei dieser Geschichte noch von einem anderen Motiv geleitet, dem der stolzen Demonstration seiner Macht. Denn als die Jünger »erstaunt fragen: Wie konnte der Feigenbaum so plötzlich verdorren?«, antwortet ihnen Jesus: »Amen, das sage ich euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, dann werdet ihr nicht nur das vollbringen, was ich mit dem Feigenbaum getan habe« (Mt. 21,20f.; Mk. 11,21ff).
Offenbar will Jesus mit der Baum-Verfluchung exemplarisch seine Macht über die Natur, die Schöpfung demonstrieren und seine Jünger anspornen, es nachzuahmen. Er, der sich in allem als der Vollender der Verheißungen des Alten Testaments empfindet, realisiert hier also auch im vollsten Maß den Genesis-Auftrag Jahwes: »Macht euch die Erde untertan!« (1. Mose 1,28)[36]. »Furcht vor euch und Schrecken sei bei allen Erdentieren, bei allen Himmelsvögeln, bei allem, was auf dem Erdboden kriecht, und bei allen Fischen des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben« (1. Mose 9,2). Eben auch der arme Feigenbaum, dem gar nichts anderes übrig blieb, als bei so viel Furcht und Schrecken zu verdorren.
Erstaunlich wenig Mitleid mit Tieren zeigt Franz Alts »Ökologe Jesus« in einer anderen Szene, in der er zweitausend Schweine erbarmungslos in den Tod jagt. Es handelt sich um die Geschichte mit zwei (Mt. 8,28) bzw. einem (Mk. 5,2; Lk. 8,27) von Dämonen Besessenen. Auf Bitten der Dämonen, also der »unreinen, bösen Geister«, treibt er diese nicht einfach aus dem einen oder den zwei Besessenen aus, sondern lässt sie in die Schweineherde fahren, die daraufhin wie von Taranteln gestochen den Abhang hinabstürzt und elendiglich in den Fluten eines Sees umkommt. Die tierfeindlichen Wünsche der Dämonen interessieren hier Jesus mehr als das Leben der Schweine. Und auch als das Existenzrecht der Hirten, die – ohne Schadenersatz! – ihre Herde verloren und, »von großer Angst gepackt« (Lk. 8,37), in den umliegenden Dörfern und Städten über die Grausamkeit, die ihnen und den Schweinen widerfahren war, berichteten. Kein Wunder, dass die Bewohner dieser Ortschaften voller Angst Jesus bitten, ihr Gebiet gefälligst zu verlassen. Der »Große Prophet«, abgelehnt von einfachen, vernünftigen Menschen, denen an seiner eiskalten Demonstration der Macht über die Tierwelt nichts liegt! (Zur gesamten Begebenheit vgl. Mt. 8,28-34; Mk. 5,1-20; Lk. 8,26-39).
Verachtenswerte Geschöpfe scheinen für Jesus auch die Hunde gewesen zu sein. Das geht aus der Geschichte mit der »Heidin, aus Syrophönizien gebürtig« (Mt. 15,21-28; Mk. 7,24-30), hervor, die Jesus bittet, doch den unreinen Geist, der ihrer Tochter schwer zusetze, aus dieser auszutreiben. Die Frau hatte erfahren, dass sich der Wunderheiler Jesus in Phönizien, also dem Land nordwestlich von Galiläa, genauer im Gebiet von Tyros und Sidon aufhielt. Sie wirft sich Jesus zu Füßen, zeigt so ihre ganze Ohnmacht, Hilflosigkeit, Demut vor dem jüdischen Wunderheiler, dessen Ruf ihm schon über die Grenzen seines Heimatlandes hinweg vorausgeeilt war. Im Fußfall drückt sich aber auch ihre ganze Hoffnung aus, dass dieser Mann ihr arg leidendes Töchterchen heilen könnte. Sie fleht ihn an, er möge ihre vom Dämon böse drangsalierte Tochter befreien. Jesus aber ist hier ganz und gar männliche Hoheit und Überlegenheit. Er nimmt die heidnische Frau, die da vor ihm im Staub liegt und ihn anfleht, gar nicht zur Kenntnis, sie ist einfach Luft für ihn, existiert sozusagen überhaupt nicht. Er ist der Mann, der eine religiöse Mission zu erfüllen hat. Und die ist auf Israel beschränkt. Hier, im Grenzgebiet, aber schon jenseits Palästinas, hält er sich nur zum Vergnügen, zur Erholung oder im Rahmen eines Ausweichmanövers vor seinen Gegnern, jedenfalls inoffiziell, auf. Er ist hier gleichsam inkognito anwesend. Was will also diese Frau? Sie hat bei ihm nichts zu suchen. »Er aber antwortete ihr nicht ein Wort!« (Mt. 15,23).
Doch eine liebende Frau gibt so schnell nicht auf, und diese Mutter liebt nun einmal ihre Tochter über alles. So verwandelt sich ihr Flehen und Bitten in ein ungestümes, lautes Schreien. »Und sie schrie laut: Erbarme dich meiner, Herr, du Sohn Davids!« (Mt. 15,22). Aber auch das ändert nichts an der schroff abweisenden, ja sie total ignorierenden Haltung Jesu. Er ist längst an ihr vorübergegangen, die Sache ist an sich schon für ihn abgehakt, erledigt. Doch die Frau sagt sich: »Hat er mein Flehen nicht erhört, so werde ich ihn durch mein Geschrei zwingen.« Fühlte sie doch offenbar mit ihrem weiblichen Instinkt, dass dieser israelitische Wunderheiler hier im Ausland möglichst wenig auffallen möchte. Tatsächlich geht den Jüngern, die Jesus begleiten, ihr Gebrüll auf die Nerven. Die Situation wird ihnen zunehmend unangenehm, peinlich, vielleicht erscheint sie ihnen hier, auf dem ungewohnten Parkett jenseits der Grenze ihres Heimatlandes, sogar gefährlich. Also bitten sie jetzt ihrerseits den Chef: »Fertige sie doch ab, denn sie schreit uns nach!« (Mt. 15,23). Aber der Chef bleibt stur und ungerührt. Immerhin lässt er sich zwar nicht der Frau, wohl aber den Jüngern gegenüber zu einer Erklärung herab: »Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt« (Mt. 15,24).
Offenbar ist Jesus bei dieser Erklärung einen Moment stehengeblieben. Das gibt der verzweifelten Mutter Gelegenheit, wieder heranzukommen. Sie wirft sich erneut vor ihm zu Boden und bittet inständig: »Herr, hilf mir!« (Mt. 15,25). Jetzt endlich macht dieser Mann, der bisher ihr gegenüber nur unnahbare Majestät und eisiges Schweigen war, endlich den Mund auf und redet auch sie an. Aber das, was er nun von sich gibt, bekundet tiefste Verachtung der Heiden, die nun einmal nicht zu den Kindern des auserwählten Volkes gehören: »Es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hunden hinzuwerfen« (Mk. 7,27; Mt. 15,26).
Sie und alle Heiden sind also Hunde. Die arme Frau musste diese Charakterisierung wie ein Keulenschlag treffen. Ihre ganze Würde als Mensch, als Frau, als Person tritt dieser Mann mit einer so verächtlichen Bemerkung einfach nieder. Aber aus unsagbarer Liebe zu ihrer Tochter schluckt sie auch diese Beleidigung. Sie rafft sich zu einsamer Größe, zur Genialität der Niedrigkeit und Schwäche auf und schlägt Jesus mit dessen eigenen Waffen, mit dem Instrumentarium seiner eigenen hässlichen Bemerkung: »Sie aber sagte: Doch, Herr, denn auch die Hunde fressen von den Brocken, die vom Tisch ihrer Herren fallen« (Mk. 7,28; Mt. 15,27). Jetzt ist der Chauvi besiegt, er streckt die Waffen, ist überwältigt von der Größe ihrer Liebe zur Tochter. »Um dieses Wortes willen geh hin; der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren«, lässt das Markusevangelium Jesus sagen (7,29). Matthäus macht aus der ganzen Geschichte schon wieder einen Sieg des Glaubens an den Messias (»O Weib, dein Glaube ist groß«, 15,28), während der realistischere Markus durchaus noch sieht und zugibt, dass Jesus sich von der Frau widerlegt fühlt, sich durch ihre Antwort geschlagen gibt. »Um dieses Wortes willen geh hin!« Das heißt: »Weil du diese Antwort gefunden hast, der ich nichts mehr entgegenzusetzen habe, will ich deine Tochter heilen.«
Wie der apologetische Verfasser des Matthäusevangeliums halten es bis heute selbst die kritischsten kirchlichen Theologen und Schriftsteller: Sie sind eifrig bemüht, das außerordentlich Peinliche an der Begegnung zwischen Jesus und der heidnischen, kanaanäischen oder syro-chaldäischen Frau möglichst gar nicht wahrzunehmen oder aber herunterzuspielen, wegzuerklären und schließlich und endlich doch wieder in einen Triumph der Größe und Vollkommenheit des Gottessohnes umzuwandeln. Selbst feministische Theologinnen behaupten allen Ernstes, dass Jesus in dieser Begegnung mit der heidnischen Frau in grandioser Weise seinen Schatten besiegt und als erster Mann »die Androzentrik der antiken Welt durchbrochen« habe. Im Endresultat all seiner Begegnungen mit Frauen zeige sich der Galiläer stets als reifer, integrierter Mensch, der imstande ist, Männliches (Animus) und Weibliches (Anima) gleichermaßen zu entfalten und zur gleichberechtigten Harmonie zu bringen.[37]
An falschem Pathos und idealisierender Vernebelung sind derartige Bewertungen kaum zu überbieten. Aber mit dem Jesus, wie er sich tatsächlich in dem Vorgang benimmt, haben sie nun wirklich gar nichts zu tun. »Nur wenn das Männliche«, so tönt eine führende feministische Theologin, »sich selbst und seinen eigenen Schatten erkennt, wo es bereit ist, auf seinen Stolz zu verzichten und auf das Weibliche zu hören, ihm mit seinen Kräften zu dienen, indem es dessen Bedürfnisse berücksichtigt und damit in seinem vollen Menschsein wahrnimmt, kann das Weibliche genesen, da geschieht das Wunder der Heilung, da kann es in seiner vollen Menschenwürde wiederhergestellt werden. Und so lernt der Menschensohn, was es heißt, den Menschen das Heil zu bringen.«[38]
Selbst wo man zunächst einmal – selten genug übrigens – eingesteht, dass der Mann Jesus sich daneben benommen hat, macht man am Ende daraus doch wieder einen Beweis für die enorme Lernfähigkeit und schnelle, geistesgegenwärtige Situationserfassung dieses größten Lehrers der Menschheit: »Nur weil er selbst durch die Phase der Menschenverachtung gegangen ist und bereit war, sich eines Besseren belehren zu lassen, konnte er zum Lehrer anderer werden – denn hinter ihm stand die Autorität der Selbst-Erfahrung.«[39] Franz Alt, der, wie er dankend vermerkt, erst durch seine Frau Bigi auf die feministische Theologie, »diese Befreiungstheologie in den reichen Ländern«, gestoßen worden ist, hängt sich an die eben zitierte Aussage Christa Mulacks und überbietet sie noch: Zwar sei Jesus zunächst »noch ganz gefangen in Sexismus und Nationalismus«. Die heidnische Frau sei als Frau für ihn anfangs »gar kein richtiger Mensch«. Aber dann »lernt Jesus, sein eigenes Verhalten als >hündisch< zu begreifen«, weil er sich als fähig erweist, diese Frau ernst zu nehmen. »Er sieht seinen Schatten, seinen männlichen Stolz, seine noch nicht integrierte Anima. Er beginnt, auf das Weibliche in sich zu hören ... Jesus hat von der nichtjüdischen Frau viel gelernt ... Jesu Lernbereitschaft gegenüber Frauen ist deshalb so neu und überraschend, weil Männer zu seiner Zeit noch gar keine psychische Beziehung zum Weiblichen hatten«.[40]
Man sieht: In den Augen von Christus-Bewegten kann dieser Jesus gar nichts falsch machen. Am Schluss ist er doch immer der Größte, und das in jeder, auch der peinlichsten Situation. Macht Jesus schon mal einen (allerdings nur oberflächlich als solchen erscheinenden) Fehler, dann behebt er ihn in einer Weise, wie es kein anderes könnte. Daher betont auch die bekannte evangelische Theologin Moltmann-Wendel: »Aus dem Nationalisten, der sich auf sein eigenes Volk beschränken möchte, wird Jesus – dank der kanaanäischen Frau – auch der Helfer und Heiler der Heiden, der Kanaanäer.«[41]
Was Kirchentreue und von der »absoluten Person Jesus« (Drewermann) Überzeugte in seine Begegnung mit der heidnischen Frau hineindeuten, ist totaler Unsinn. Nichts, aber auch gar nichts gibt diese Begegnung her für einen Beweis der Lernbereitschaft Jesu, der Überwindung seines Macho-Schattens, der Entdeckung der Weiblichkeit, der Befreiung von der Verachtung ausländischer, heidnischer Frauen, der Wende vom Nationalisten zum Kosmopoliten, der Bekehrung vom Hunde-, allgemeiner: Tierverächter zum Tierschützer oder auch nur –Respektierer. Wer die Stellen bei Markus und Matthäus so liest, wie sie dort aufgezeichnet sind, kann lediglich feststellen: Dieser Jesus ist einfach nur bass erstaunt über die clevere Antwort der heidnischen Frau und weiß im Moment wirklich nichts darauf zu erwidern. Dass er deshalb seinen Machismo aufgegeben hätte, ist den Texten in keiner Weise zu entnehmen. Auch ein halbwegs intelligenter Macho unserer Tage kann mal einer witzig, spritzig, klug argumentierenden Frau recht geben oder sich für einen Augenblick durch sie geschlagen bekennen. Das wird ihn bei weiteren Konfrontationen mit Frauen kaum daran hindern, seine gewohnte Rolle wieder zu spielen, wird ihn höchstens dazu bewegen, beim nächsten Mal in seinen eigenen Argumentationen vorsichtiger zu agieren, um sich nicht wieder eine Blöße zu geben.
Auch dass Jesus mit Hilfe der kanaanäischen Frau gelernt hätte, seinen Nationalismus zu überwinden, lässt sich den Texten nicht entnehmen. Im Gegenteil, Jesus ist gerade deshalb so verblüfft, weil sie ihn mit seinen eigenen nationalistischen Waffen schlägt. Sie akzeptiert doch in ihrer eigenen Antwort seine Denk- und Vorurteilskategorien (»Juden = Kinder; Heiden = Hunde«), demütigt und erniedrigt sich so weit, dass sie zugibt: »Ja, wir sind Hunde«, aber, in derselben Bildkategorie verbleibend, hinzufügt: »Auch die Hunde kriegen noch etwas von den Kindern ab.« Eher könnte man also annehmen, dass Jesus sich geschmeichelt fühlt, dass diese ausländische Frau die Überlegenheit seines Volkes anerkennt. Wäre Jesus wirklich durch die heidnische Frau von seinem Nationalismus bekehrt worden, müsste wenigstens eine Andeutung davon bei den Evangelisten zu finden sein. Aber das ist in keiner Weise der Fall.
Das Gegenteil bestätigt sich. Denn es gibt genug Stellen in den Evangelien, in denen die Überzeugung Jesu, »nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt« zu sein, zum Ausdruck kommt. Seine Apostel sendet er mit dem strikten Verbot der Heidenmission aus: »Gehet nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt« (Mt. 10,5f). Ebenso exklusiv betont Jesus: »Das Heil kommt von den Juden« (Joh. 4,22). Es gibt für ihn kein anderes Gesetz als das jüdische, als das der Thora: »Leichter ist es, dass Himmel und Erde vergehen, als dass auch nur ein Tüpfelchen vom Gesetz wegfiele« (Lk. 16,17). »Meinet nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen« (Mt. 5,17).
Jesus versteht sich als Reformer des Judentums, will tatsächlich erneuern – aber stets im Rahmen des jüdischen Volkes, der jüdischen Gesellschaft. Die anderen, die Nichtjuden, sind für ihn tatsächlich »Hunde«, denen er nichts zu sagen hat. Nur widerwillig lässt er sich herab, ihnen auch einmal seine magische Heilkraft angedeihen zu lassen. Wir haben das bei der Kanaanäerin, der Nichtjüdin, gesehen. Beim heidnischen Hauptmann von Kafarnaum, der um die Heilung seines Knechtes bittet, ist Jesus schneller zur Hilfe bereit. Aber da handelt es sich auch um einen Mann. Und vielleicht will sich’s Jesus in diesem Fall auch nicht mit der römischen Obrigkeit verderben (Mt. 8,5-13). Denn immerhin stand in Kafarnaum, damals einer blühenden Stadt mit dreißig- bis vierzigtausend Einwohnern, heute ein kleines Araberdorf, das geräumige, wohlhabende Haus des Simon Petrus, in dem Jesus gerne weilte und sich wohlfühlte. Diese Gelegenheit hätte Jesus gefährdet, wenn er den Wunsch des heidnischen Hauptmannes nicht erfüllt hätte. Die Präsenz römischer Soldaten in Kafarnaum war überall fühlbar, weil diese Stadt für Rom von strategischer Bedeutung war. Jesus war also keineswegs frei von jedem Opportunitätsdenken. Doch gibt es Autoren, die die Schuld, dass Jesus der heidnischen Frau nicht so schnell und willig wie dem heidnischen Offizier geholfen hat, dieser selbst zuschreiben. Sie sei ja doch »sehr aufdringlich«, »neurotisch« gewesen und habe »ihren eigenen bösen Geist auf ihre Tochter übertragen«.[42]
Klar ist aufgrund des eben Gesagten, dass überhaupt alle Aussagen Jesu in den Evangelien, die die »ganze Welt«, »alle Völker«, die »Verkündigung des Evangeliums an alle Geschöpfe« zum Gegenstand haben, in eklatanter Weise den Intentionen des Galiläers widersprechen. Dass wir das so bestimmt und eindeutig konstatieren können, verdanken wir unter anderem ganz besonders dem Markus-Bericht über die kanaanäische Frau. Wie christliche Autoren gerade aus dieser Stelle der Evangelien eine neue, nationale Grenzen überschreitende Selbsterfahrung Jesu, eine im Vergleich zur gesamten Antike revolutionär neue psychische Beziehung zum Weiblichen oder gar zu den Tieren herauslesen können, ist in keiner Weise zu begründen. In Wirklichkeit fehlt Jesus in der analysierten Situation jede Einfühlung in das konkrete Elend, den aktuellen Schmerz der heidnischen Frau um ihr Töchterchen. Seine Gefühlskälte gegenüber der Ausländerin, gegenüber den Hunden, lässt uns schaudern. Es gibt wahrscheinlich keine Stelle, keine Begebenheit in den Evangelien, wo Jesus derart eindeutig ein krass schroffes Macho-Gehabe aus nationalreligiösen Gründen an den Tag legt.
Aber nicht nur die Heidin aus Syrophönizien, der er im Gebiet von Tyros und Sidon begegnete, auch andere Nichtjüdinnen lässt der jüdische Mann Jesus seine (religiös begründete) Überlegenheit spüren. Aufschlussreich in dieser Hinsicht ist seine Unterhaltung mit der Samariterin (Joh. 4,1-42) was ich an anderer Stelle ausführlich behandelt habe.[43]
Aber kehren wir nochmals zur Tierbeziehung des »Ökologen Jesus« zurück. Die Hunde und Schweine scheinen für Jesus das Verächtlichste unter seines himmlichen Vaters Sonne gewesen zu sein. Das beweisen nicht nur die Begebenheiten mit der Schweineherde, die er rücksichtslos in den Tod jagt, und der Heidin aus Syrophönizien; das zeigen auch jene Stellen in den vier Evangelien, an denen er das Heiligste und Höchste in seinem Weltbild in den extremsten Gegensatz zu diesen zwei Tierkategorien stellt: »Gebt das Heilige nicht den Hunden, und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor« (Mt. 7,6). Ausdrücklich vermerkt die von den beiden Kirchen Deutschlands herausgegebene »Einheitsübersetzung« der Bibel an dieser Stelle, dass »der Ausdruck >das Heilige< ursprünglich wahrscheinlich Opferfleisch bezeichnete, dann im übertragenen Sinn bei den Juden die Thora (das Gesetz) und hier die Lehre Jesu«, womit bewiesen wäre, dass die Tiere, zumindest aber die Hunde und Schweine, keinen legitimen Platz in dieser seiner Lehre haben.
Aber darüber hinaus wird Vegetariern und Veganern kaum gefallen, dass fleischlose Feste, Feiern ohne das Schlachten von Ochsen, Kälbern und Lämmern für Jesus offenbar völlig undenkbar sind. »Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein« (Lk. 15,23). Die Feste, die er in seinen Gleichnissen beschreibt, haben es auch immer mit ausgiebigen Tierschlachtungen zu tun.
Dass »der größte Humanist und Menschenrechtler« Jesus auch die Institution der Sklaverei durchaus nicht in Frage stellte, sie vielmehr unreflektiert übernahm und sogar zum Vorbild erhob, zeigt die folgende, Jesus zugeschriebene Aussage in den Evangelien: »Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken. Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan« (Lk. 17,7-10).
Diese Stelle stellt keineswegs eine Ausnahme dar. Bei Mt. 10,24 z.B. heißt es: »Ein Jünger steht nicht über seinem Meister und ein Sklave nicht über seinem Herrn.« Also auch hier: die absolute Einhaltung und Respektierung des status quo.
Was beim »Humanisten« Jesus immer wieder unangenehm auffällt, sind auch die vielen Drohungen mit der Hölle, die noch dazu sadistisch ausgemalt wird. Die Übertreter der Gesetze Gottes werden »in den Ofen geworfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit Zähnen knirschen« (Mt. 13,41f), »ihr Wurm stirbt nicht und das Feuer erlischt nicht« (Mk. 9,48). Ein anderes Bild, mit dem gedroht wird, ist das genaue Gegenteil des Licht spendenden Feuers: die äußerste Finsternis: »Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis“ (Mt. 8,11f).
Zu rigoros und mit echter Humanität nicht vereinbar ist auch, wenn Jesus für Beleidigungen sogleich die Höllenstrafe vorsieht: Wer zu seinem Bruder sagt: »Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein« (Mt. 5,22). Auch bei den Verführungsmöglichkeiten, die die Welt nun einmal bietet, wird sofort dem ihren Reizen zum Opfer Fallenden die Höllenstrafe angedroht: »Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen reizt, so reiß es aus und wirf es von dir! Denn besser ist es für dich, dass eines deiner Glieder verlorengehe, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. Und wenn deine rechte Hand dich zum Bösen reizt, so hau sie ab und wirf sie von dir« (Mt. 5,29f). Man vergegenwärtige sich den rigorosen Fundamentalismus, der in diesen Verboten steckt und für deren Übertretung immer und immer wieder die Höllenstrafe angedroht wird. Wie sollen unsere braven Theologen mit der Tatsache fertig werden, dass der Jesus der vier Evangelien ständig die Hölle an die Wand malt? Wollte man behaupten, Jesus habe die über siebzig Höllendrohungen in den Evangelien nicht ausgesprochen, dann müsste man gleich zu der Methode übergehen, alle nicht ins Konzept des vollkommenen, sanften, liberalen Jesus passenden Stellen zu tilgen. Dann bleibt aber von den Evangelien nicht viel übrig. Die fundamentalistischen Höllenankündigungen und –drohungen stehen nun einmal im Neuen Testament, sind also normierende Grundlage für den christlichen Glauben. Und die Vertreter der Amtskirche stehen mit ihrem ständigen dogmatischen Bezug auf die Hölle sogar in ganz anderer Kontinuität mit der heiligen Urschrift als die progressiven Theologen, die von der Hölle nichts mehr wissen wollen und einfach behaupten: »In der Hölle brennt kein Feuer!«[44]
Man bedenke auch das Gebot, die rechte Hand abzuhauen, die einen zum Bösen reizt (Mt. 5,30). Hier handelt es sich vornehmlich um die Versuchung zum Diebstahl. Besteht da noch eine unüberbrückbare Kluft zum Sudan oder zum Iran Khomeinis, wo überführten Dieben und Räubern Hände und Füße (manchmal über Kreuz: rechte Hand, linker Fuß) amputiert werden bzw. wurden.
Es hängt mit dem Wesen prophetischer Religion[45] zusammen, dass nicht die Vernunft, sondern der Glaube sowohl im Neuen Testament wie übrigens auch im Koran eine entscheidende Rolle spielt. »Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden – wer nicht glaubt, wird verdammt werden«, spricht der Jesus des Markus-Evangeliums in einem nicht zu überbietenden, die Glaubenden von den Nichtglaubenden radikal trennenden Fundamentalismus (Mk. 16,16). Liegt es nicht in der Konsequenz dieses Satzes, vor allem wenn man noch die Schwäche, die Grausamkeit und Intoleranz vieler Menschen mitberücksichtigt, dass man das Verdammungsurteil Jesu über die nicht Glaubenden schon auf Erden vorwegnehmen und vollziehen wollte? Dass also die Kreuzritter sich legitimiert fühlten, Juden und Moslems samt Frauen und Kindern im Namen Jesu niederzumetzeln; dass die Konquistadoren die Indianer ausrotteten, oft selbst dort, wo sie sich missionieren lassen wollten; dass Millionen Ketzer, die die dogmatische Lehre der Kirche nicht in allem glauben wollten, verbrannt, Tausende und Abertausende von Frauen, die vermeintlich dem Teufel mehr vertrauten als den Anweisungen der Kirche, gefoltert, vergewaltigt und zum Tode verurteilt wurden.[46] Liegt es nicht auch in der Konsequenz dieses Satzes, dass die Kirche eine höchste Kontrollinstanz einrichtete, das Inquisitionsbüro, »Heiliges Offizium« genannt, das über die Reinheit des Glaubens, über die Einhaltung seiner Grundsätze, der Dogmen, zu wachen und darüber zu entscheiden hatte, wer nun zur geretteten Schar der Glaubenden, wer zur verdammten und verdammungswürdigen Schar der nicht Glaubenden gehöre?[47]
Es ließen sich noch sehr viele weitere Stellen aus den vier kanonischen Evangelien anführen, die im Widerspruch zum Bild des vollkommenen Jesus, des größten Humanisten aller Zeiten stehen. Aber das bereits diesbezüglich Ausgeführte dürfte genügen, um dieses Bild und die ihm zugrunde liegende These als ideologischen, doktrinären, fundamentalistischen, eben dogmatischen Machtspruch und –anspruch der Kirche und ihrer Theologen zu entlarven.
Mit meinen Ausführungen wollte ich aber keineswegs den Eindruck erwecken, als ob der biblische Jesus nur Negatives vorzuweisen hat. Es gibt durchaus kostbare humane, soziale und spirituell erhebende Stellen in den Jesus zugeschriebenen Aussagen der Evangelien. Fast möchte man an eine vorweggenommene antikapitalistische Kritik Jesu denken, wenn er z.B. in der Bergpredigt in ihrer lukanischen Version proklamiert: »Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden ... Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern« (Lk. 6,20f; 6,24f.). Das kann man zwar in gewohnter doktrinär-marxistischer Manier als billige Jenseitsvertröstung abtun. Aber angesichts der katastrophalen Lage vieler Menschen in der Dritten Welt wird eine nichtutopische, realistische Sicht der fatalen Situation zugeben müssen, dass es momentan die einzige Hoffnung ist, die vielen Menschen dort noch bleibt und ihnen noch für eine Weile Lebensmut zu spenden vermag. Ganz abgesehen davon, dass jüdische Denker wie Ernst Bloch und Erich Fromm besonders betont haben, dass der Jude Jesus sein Reich keineswegs so jenseitig aufgefasst hat, wie das später die ihn für sich vereinnahmende Kirche tat.[48]
Angesichts der brutalen Gewalt, wie sie z.B. gerade jetzt im »Heiligen Land« immer mehr eskaliert, halte ich auch die Anti-Gewalt-Stellen in der Bergpredigt in ihrer matthäischen Version für äußerst treffend: »Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden ... Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden« (Mt. 5,5f; 5,9).
Es ist nun einmal so, dass der Jesus der Evangelien aus Licht und Schatten, aus positiven und negativen Eigenschaften besteht, wie das für jeden Menschen, auch für andere Religionsstifter wie Moses, Buddha, Mohammed usw. gilt, weswegen sich eine pyramidenförmige Hierarchisierung der vollkommensten Exemplare der Spezies Mensch absolut verbietet. Das vollkommenste, alle anderen Menschen ohne jeden möglichen Zweifel überragende menschliche oder gottmenschliche Individuum gibt es nicht und wird es nie geben! Aber natürlich hat fast jede Religion den Versuch unternommen, sich eine makellose Kultfigur zu schaffen und sie an den »wunderbaren gottgefügten« Anfang und Ursprung ihres Daseins zu setzen. Doch wird jedes gründlichere Studium der Vergangenheit immer wieder zeigen können, dass kein Anfang einer geschichtlichen Entwicklung so wunderbar und perfekt war, wie das die Späteren hinzustellen bemüht waren. Kein Beginn innerhalb der verschiedenartigen Aufbrüche in der Menschheitsgeschichte war über jeden Zweifel erhaben. Ohne diesen Zweifel gäbe es gar keine Aufklärung. Man muss ihn geradezu zum heuristischen Prinzip bei der Erforschung jedes Neubeginns erheben![49]
Anmerkungen
[1] D. Sölle, Jesus, der Mensch für andere, in: J. Thiele (Hg.), Jesus. Auf der Suche nach einem neuen Gottesbild, Düsseldorf 1993, 23ff.
[2] L. Boff, Jesus, befreiungstheologisch gesehen, in: Thiele (Hg.), a.a.O., 70ff.
[3] K. Rahner, Jesus, existentiell gesehen, in: Thiele (Hg.), a.a.O., 133ff.
[4] P. Teilhard de Chardin, Jesus, kosmisch gesehen, in: ebd. 156ff.
[5] J. Sudbrack, Jesus, mystisch gesehen, in: ebd. 167 ff.
[6] C. G. Jung, Jesus, archetypisch gesehen, in: ebd. 177ff.
[7] E. Drewermann, Jesus, therapeutisch gesehen, in: ebd. 184ff.
[8] H. R. Schlette, Jesus, solidarisch gesehen, in: ebd. 106ff.
[9] O. Ortega, Jesus, lateinamerikanisch gesehen, in: ebd. 319ff.
[10] B. Bujo, Jesus, afrikanisch gesehen, in: ebd. 333ff.
[11] W. Kröger, Jesus, asiatisch gesehen, in: ebd. 351ff.
[12] K.-H. Ohlig, Jesus multikulturell gesehen, in: ebd. 371ff.
[13] M.M. Ayoub, Jesus, islamisch gesehen, in: ebd. 292 ff.
[14] M. Gandhi, Jesus, hinduistisch gesehen, in: ebd. 299ff.
[15] D. T. Suzuki, Jesus, buddhistisch gesehen, in: ebd. 305ff.
[16] M. Buber, Jesus, jüdisch gesehen, in: ebd. 283ff.
[17] J. M. Lochmany, Jesus, atheistisch gesehen, in: ebd. 221ff.
[18] M. Machovec, Jesus, marxistisch gesehen, in: ebd. 229ff.
[19] E. Bloch, Jesus, rebellisch gesehen, in: ebd. 244ff.
[20] L. Kolakowski, Jesus, philosophisch gesehen, in: ebd. 258ff.
[21] Johannes Paul II., Jesus, päpstlich gesehen, in: ebd. 126ff; vgl. H. Herrmann, Johannes Paul II. beim Wort genommen, München 1995.
[22] Vgl. E. Moltmann-Wendel, Jesus, feministisch gesehen, in: ebd. 107ff.
[23] Vgl. W. Schubart, Jesus erotisch gesehen, in: ebd. 148ff.
[24] F. Alt, Jesus – der erste neue Mann, München 81991, 14.
[25] A.a.O. 13.
[26] Ebd. 12.
[27] Ebd. 21.
[28] Ebd. 16.
[29] Ebd. 66f.
[30] Ebd. 14.
[31] Ebd. 18.
[32] J. Neuner / H. Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung (neubearbeitet von K. Rahner / K. H. Weger), Regensburg 121986, 109; ähnlich, teilweise identisch im neuen Weltkatechismus: Katechismus der katholischen Kirche, München 1993: „Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift“, Nr. 105-107; vgl. Nr. 101-104.
[33] Dazu ausführlich: »Die Inquisition und die Juden«, in: H. Mynarek, Die Neue Inquisition, Marktheidenfeld 1999, 59-69.
[34] Vgl. dazu das Kapitel: »Die Dirne und der Göttliche«, in: H. Mynarek, Jesus und die Frauen. Das Liebesleben des Nazareners, Essen 21999, 20-32.
[35] Zum Zwei-Klassen-System Vollkommenerer und weniger Vollkommener beim Nazarener vgl. das entsprechende Kapitel in »Jesus und die Frauen« 82ff.
[36] Ausführlicher dazu die Kapitel: »Die Bibel und die Natur« und »Christentum und Naturfeindlichkeit« in meinem Buch: Mystik und Vernunft, Münster 22001, 94ff; 99ff.
[37] H. Wolff, Jesus der Mann, Stuttgart 1975, 80.
[38] Ch. Mulack, Die Weiblichkeit Gottes, Stuttgart 1983, 287.
[39] Ebd.
[40] F. Alt, Jesus – der erste neue Mann, München 81991, 65, 70.
[41] Moltmann-Wendel, a.a.O. 113.
[42] Alt, a.a.O. 66.
[43] In: »Jesus und die Frauen« 49ff.
[44] Wie sehr monotheistische Religionen den Teufel und die Hölle als konstitutiven Bestandteil ihres Weltbildes brauchen, habe ich im Buch: Denkverbot. Fundamentalismus in Christentum und Islam, München 1992, gezeigt.
[45] Zur Charakterisierung der prophetischen Religionen siehe „Denkverbot“ 78ff.
[46] Dazu sehr ausführlich mein Buch »Die Neue Inquisition«.
[47] Vgl. Mynarek, Verrat an der Botschaft – Kirche ohne Tabu, Rottweil a. N. 1986, 27-54.
[48] Vgl. H. Mynarek, Das Gericht der Philosophen. Ernst Bloch, Erich Fromm, Karl Jaspers über Gott – Religion – Christentum – Kirche, Essen 1997, 44ff; 96ff.
[49] Auch dazu mehr in: Mynarek, Denkverbot, 2. Bis 5. Kap.