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Dr. Susie Orbach Ich will nicht unterschätzen welches Ausmaß an emotionalen Qualen Essprobleme für viele Frauen heute bedeuten.
Ich denke es ist schwer zu erkennen wie zerstörerisch diese sind, weil sie so allgegenwärtig sind. Es ist schon fast so, als ob wir davon ausgehen, dass Mädchen und Frauen mit ihren Körpern unglücklich sind und ständig ihr Eßverhalten manipulieren.
In einem bestimmten Maß sind wir alle in diese Praktiken involviert und werden zu KomplizInnen.
Unsere Komplizenschaft macht es schwer das gravierende Problem nicht nur bei denjenigen zu erkennen, die schwere Eßstörungen haben,
sondern auch bei der Großzahl von Mädchen und Frauen, deren Problem als subklinisch betrachtet wird. Das sind Mädchen und Frauen, die aufpassen, was sie essen, Angst davor haben zuviel zu essen, sich schuldig für das fühlen,
was sie essen, ständig Regeln ausarbeiten um ihr Eßverhalten zu verändern und die nie relaxed mit Essen umgehen.
Ferien und Urlaub werden mit Streß befrachtet, Weihnachten zur Tortur; feierliche Ereignisse etwas was man mehr managen muß,
als sich daran zu erfreuen. Diese Mädchen und Frauen sind jenseits von klinischen Kategorien und darum fallen sie selten auf.
Wenn sie es tun, denken wir uns nichts dabei. Wir akzeptieren, dass das mit Frauen und Essen eben genau so läuft. Diese Akzeptanz macht das Bestehen auf die Notwendigkeit von Sozialpolitik sehr schwierig.
Gesetzgeber sind genauso Sklaven der selben ästhetischen Werte und denken, dass Engagement von
Frauen für diese Themen einfach Spaß ist oder unwichtig und wenn sie das Problem gar nicht anerkennen, dann halten sie es einfach für albern. Ein Präventionsprogramm erfordert ein Programm von gesellschaftlichem Wandel.
Das ist keine triviale Aufgabe, weil kultureller Wandel durch eine Kombination von marktwirtschaftlichen Kräften,
Veränderungen im Zeitgeist, internationalen und internen politischen Notwendigkeiten usw. gelenkt wird. Außerdem gibt es signifikante kommerzielle Interessen und Status-(quo) Interessen die nicht zur Kenntnis nehmen mögen,
dass Sie an der Erschaffung des Körperhasses und der Essprobleme beitragen. Es wird nötig sein, sie auf verschiedene Arten zu erreichen:
Wir brauchen eine komplett anderen Denkweise in Bezug auf den weiblichen Körper, zu Lebensmitteln, zu Profit von Mode,
Fitness und Medienindustrie. Ohne derartige rigorose und sorgfältige Betrachtungsweise wären wir in Gefahr weibliche Essprobleme
einfach zu pathologisieren, anstelle sie als soziale Phänomene zu sehen, die soziale Lösungen brauchen. Ich spreche dieses Problem als Psychotherapeutin an, die auch Aktivistin ist. Ich habe zu viele Fälle gesehen, zuviel Leid,
zu viele ruinierte Leben durch ein obsessives Verhältnis zum Essen und Körper um nicht zu erkennen, dass wir dramatischere Interventionen
brauchen als die, die TherapeutInnen gewöhnlich machen um die Bedingungen zu verändern, die das Problem entstehen lassen.
Während wir für die Leute mit Essproblemen hilfreich sein können, können wir das nur auf eine individuelle Art und Weise tun.
Wir müssen den unvermeidlichen Schaden der Mädchen und Frauen und zunehmend auch Buben und Männern angetan wird, stoppen.
In diesem Sinne meine ich es, wenn ich davon spreche dieses Problem als Aktivistin anzugehen. In diesem Kontext habe ich zur Bildung einer Gruppe aufgerufen, die sich ANYBODY nennt.
Wir kommen zusammen um den tyrannischen Griff, den Größe (im Sinne von Körpergröße, Kleidergröße, Umfang) für Mädchen und Frauen im Westen und den Ländern,
die sich der Modernität durch den Globalismus angeschlossen haben, anzugehen
(man kann fast tatsächlich den Anstieg von Essproblemen in einer Kultur als Maßstab dafür nehmen, wie weit die Ausdehnung des Globalismus reicht).
Wir wollen gegen die begrenzte physische Repräsentation von Frauen ankämpfen, in der Dünnsein vorherrscht und in der Frauen aus
nicht westlichen Kulturen „importiert“ werden um ein konstant immer-wieder aufgefrischtes-dünnes Image aufzupeppen. Die Körper von Frauen
sind eine Markenware geworden, mit der Frauen meinen sich selbst vor Angriffen und Entfremdung um sie herum
und gegen sich selbst und ihren Körper, trösten zu können. Unsere Botschaft ist nicht einfach eine Attacke an die unnachgiebige dünne Ästhetik, vielmehr geht es darum einen Weg zu finden
die Glamorisierung von Frauen zu erweitern, so dass sich Mädchen und Frauen in allen Größen in den Images von Frauen um sie herum
wiederfinden können. Jetzt gibt es einen Beweis, wie sehr sich die physische Präsentation der Frauen die wir um uns herum sehen in der
Tiefe auf uns auswirkt. Dies wurde einst bestritten, aber Ergebnisse zeigen wie stark die Symbolik wirkt. Auf den Fidji-Inseln wurde westlicher
TV-Stil 1995 eingeführt und 1998 waren 12 % der weiblichen Jugendlichen bulimisch geworden (Becker). Essstörungen, Unsicherheit in Sachen Nahrungsmittel und geplagte Körper sind bei Mädchen und Frauen heutzutage allgegenwärtig.
Angst vor Essen und die Ablehnung des eigenen Körpers sind die Norm bei dreijährigen Mädchen bis hin zu Frauen in Altersheimen.
Es gibt immer mehr Belege dafür, das die Förderung dieser Körperfeindlichkeit, die der Schönheits-, Fitness- und Diätindustrie so großen Profit
beschert, nun auch auf männliche Jugendliche und junge Männer übergreift. In einer Zeit, in der das männliche Rollenverständnis immer
unsicherer wird, werden jungen Männern die selben furchtbaren Lösungen angeboten, die Frauen schon seit 60 Jahren verkauft werden,
nämlich der Fokus auf den eigenen Körper. Die Regierungen Großbritanniens und anderer europäischer Länder haben gerade den Ernst der Lage erkannt.
Im Sommer 2000 veranstalteten das englische Frauenministerium und das Gesundheitsministerium gemeinsam einen „Körperbild-Gipfel“,
bei dem Leute zusammenkamen, deren Positionen es ihnen möglich machen würde, einige Aspekte dieses Problems zu ändern.
Obwohl der Gipfel durchaus Ergebnisse lieferte, folgte darauf ein Angriff der britischen Medien, woraufhin die Regierung die Initiative beendete.
Ich habe daraufhin ein kleines Buch geschrieben, für Menschen, die Ihre Essgewohnheiten ändern möchten (Orbach 2002).
Das Buch erschien im Januar 2002 und obwohl es nicht so ausgesprochen politisch ist, wie meine vorangegangenen Fachbücher
„Fat is a Feminist Issue“ (Anti-Diät Buch) oder „Hunger Strike“ (Hungerstreik/ Magersucht) wurde mir in Gesprächen, die ich in ganz England
darüber geführt habe, klar, dass es einen großen Bedarf an einer Kampagne gibt. Daher habe ich mich mit einigen Leuten für eine aufregende
Arbeit zusammengetan. Wir haben unsere Arbeit in drei Bereiche unterteilt: Gesetzesinitiativen Ethisches Konsumdenken Bildung Medizin – Sport Medien An der politischen Front nehmen wir Kontakt mit Einzelnen und Gruppen auf und versuchen uns
sowohl mit denen zu verbinden, die Erfahrung haben im Durchführen von Kampagnen als auch mit solchen,
die mit uns natürlicherweise sympathisieren aber vielleicht noch nicht in diesem Sinne über eine Politik des Körpers nachgedacht haben.
Wir waren und sind in Kontakt mit der Führung der „Jubilee 2000“-Bewegung“, die sich für die Aufhebung der „Schulden“ der Dritten Welt einsetzt.
Wir stehen in Kontakt mit Naomi Klein von No Logo und George Monbiot, einem britischen Umweltaktivisten. Dies sind einige der Initiativen, von denen wir glauben, dass sie für eine Änderung des Gedankenguts und des kulturellen Zwangs,
dünne Körper zu vermarkten, wichtig sind. Wir sind überzeugt, dass es möglich ist, die Situation für Mädchen und Frauen zu verändern
aber dazu bedarf es all unserer politischen und therapeutischen Kraft. Referenzen
Becker, A. (1995). Body, Self and Society: the view from Fidji, University of Pennsylvania Press |
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| Dezember 2006 | ||