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Sozialpolitik und Eßprobleme:
Wie würde ein wirkliches Präventions Programm aussehen

Dr. Susie Orbach
Aus dem Englischen von Michaela Thein und Tom Lange


Ich will nicht unterschätzen welches Ausmaß an emotionalen Qualen Essprobleme für viele Frauen heute bedeuten. Ich denke es ist schwer zu erkennen wie zerstörerisch diese sind, weil sie so allgegenwärtig sind.

Es ist schon fast so, als ob wir davon ausgehen, dass Mädchen und Frauen mit ihren Körpern unglücklich sind und ständig ihr Eßverhalten manipulieren. In einem bestimmten Maß sind wir alle in diese Praktiken involviert und werden zu KomplizInnen. Unsere Komplizenschaft macht es schwer das gravierende Problem nicht nur bei denjenigen zu erkennen, die schwere Eßstörungen haben, sondern auch bei der Großzahl von Mädchen und Frauen, deren Problem als subklinisch betrachtet wird.

Das sind Mädchen und Frauen, die aufpassen, was sie essen, Angst davor haben zuviel zu essen, sich schuldig für das fühlen, was sie essen, ständig Regeln ausarbeiten um ihr Eßverhalten zu verändern und die nie relaxed mit Essen umgehen. Ferien und Urlaub werden mit Streß befrachtet, Weihnachten zur Tortur; feierliche Ereignisse etwas was man mehr managen muß, als sich daran zu erfreuen. Diese Mädchen und Frauen sind jenseits von klinischen Kategorien und darum fallen sie selten auf. Wenn sie es tun, denken wir uns nichts dabei. Wir akzeptieren, dass das mit Frauen und Essen eben genau so läuft.

Diese Akzeptanz macht das Bestehen auf die Notwendigkeit von Sozialpolitik sehr schwierig. Gesetzgeber sind genauso Sklaven der selben ästhetischen Werte und denken, dass Engagement von Frauen für diese Themen einfach Spaß ist oder unwichtig und wenn sie das Problem gar nicht anerkennen, dann halten sie es einfach für albern.

Ein Präventionsprogramm erfordert ein Programm von gesellschaftlichem Wandel. Das ist keine triviale Aufgabe, weil kultureller Wandel durch eine Kombination von marktwirtschaftlichen Kräften, Veränderungen im Zeitgeist, internationalen und internen politischen Notwendigkeiten usw. gelenkt wird.

Außerdem gibt es signifikante kommerzielle Interessen und Status-(quo) Interessen die nicht zur Kenntnis nehmen mögen, dass Sie an der Erschaffung des Körperhasses und der Essprobleme beitragen. Es wird nötig sein, sie auf verschiedene Arten zu erreichen:

  • auf freundliche Art und Weise

  • dadurch sie zu beschämen

  • dadurch sie strafrechtlich zu verfolgen.

Wir brauchen eine komplett anderen Denkweise in Bezug auf den weiblichen Körper, zu Lebensmitteln, zu Profit von Mode, Fitness und Medienindustrie. Ohne derartige rigorose und sorgfältige Betrachtungsweise wären wir in Gefahr weibliche Essprobleme einfach zu pathologisieren, anstelle sie als soziale Phänomene zu sehen, die soziale Lösungen brauchen.

Ich spreche dieses Problem als Psychotherapeutin an, die auch Aktivistin ist. Ich habe zu viele Fälle gesehen, zuviel Leid, zu viele ruinierte Leben durch ein obsessives Verhältnis zum Essen und Körper um nicht zu erkennen, dass wir dramatischere Interventionen brauchen als die, die TherapeutInnen gewöhnlich machen um die Bedingungen zu verändern, die das Problem entstehen lassen. Während wir für die Leute mit Essproblemen hilfreich sein können, können wir das nur auf eine individuelle Art und Weise tun. Wir müssen den unvermeidlichen Schaden der Mädchen und Frauen und zunehmend auch Buben und Männern angetan wird, stoppen. In diesem Sinne meine ich es, wenn ich davon spreche dieses Problem als Aktivistin anzugehen.

In diesem Kontext habe ich zur Bildung einer Gruppe aufgerufen, die sich ANYBODY nennt. Wir kommen zusammen um den tyrannischen Griff, den Größe (im Sinne von Körpergröße, Kleidergröße, Umfang) für Mädchen und Frauen im Westen und den Ländern, die sich der Modernität durch den Globalismus angeschlossen haben, anzugehen (man kann fast tatsächlich den Anstieg von Essproblemen in einer Kultur als Maßstab dafür nehmen, wie weit die Ausdehnung des Globalismus reicht). Wir wollen gegen die begrenzte physische Repräsentation von Frauen ankämpfen, in der Dünnsein vorherrscht und in der Frauen aus nicht westlichen Kulturen „importiert“ werden um ein konstant immer-wieder aufgefrischtes-dünnes Image aufzupeppen. Die Körper von Frauen sind eine Markenware geworden, mit der Frauen meinen sich selbst vor Angriffen und Entfremdung um sie herum und gegen sich selbst und ihren Körper, trösten zu können.

Unsere Botschaft ist nicht einfach eine Attacke an die unnachgiebige dünne Ästhetik, vielmehr geht es darum einen Weg zu finden die Glamorisierung von Frauen zu erweitern, so dass sich Mädchen und Frauen in allen Größen in den Images von Frauen um sie herum wiederfinden können. Jetzt gibt es einen Beweis, wie sehr sich die physische Präsentation der Frauen die wir um uns herum sehen in der Tiefe auf uns auswirkt. Dies wurde einst bestritten, aber Ergebnisse zeigen wie stark die Symbolik wirkt. Auf den Fidji-Inseln wurde westlicher TV-Stil 1995 eingeführt und 1998 waren 12 % der weiblichen Jugendlichen bulimisch geworden (Becker).

Essstörungen, Unsicherheit in Sachen Nahrungsmittel und geplagte Körper sind bei Mädchen und Frauen heutzutage allgegenwärtig. Angst vor Essen und die Ablehnung des eigenen Körpers sind die Norm bei dreijährigen Mädchen bis hin zu Frauen in Altersheimen. Es gibt immer mehr Belege dafür, das die Förderung dieser Körperfeindlichkeit, die der Schönheits-, Fitness- und Diätindustrie so großen Profit beschert, nun auch auf männliche Jugendliche und junge Männer übergreift. In einer Zeit, in der das männliche Rollenverständnis immer unsicherer wird, werden jungen Männern die selben furchtbaren Lösungen angeboten, die Frauen schon seit 60 Jahren verkauft werden, nämlich der Fokus auf den eigenen Körper.

Die Regierungen Großbritanniens und anderer europäischer Länder haben gerade den Ernst der Lage erkannt. Im Sommer 2000 veranstalteten das englische Frauenministerium und das Gesundheitsministerium gemeinsam einen „Körperbild-Gipfel“, bei dem Leute zusammenkamen, deren Positionen es ihnen möglich machen würde, einige Aspekte dieses Problems zu ändern. Obwohl der Gipfel durchaus Ergebnisse lieferte, folgte darauf ein Angriff der britischen Medien, woraufhin die Regierung die Initiative beendete. Ich habe daraufhin ein kleines Buch geschrieben, für Menschen, die Ihre Essgewohnheiten ändern möchten (Orbach 2002). Das Buch erschien im Januar 2002 und obwohl es nicht so ausgesprochen politisch ist, wie meine vorangegangenen Fachbücher „Fat is a Feminist Issue“ (Anti-Diät Buch) oder „Hunger Strike“ (Hungerstreik/ Magersucht) wurde mir in Gesprächen, die ich in ganz England darüber geführt habe, klar, dass es einen großen Bedarf an einer Kampagne gibt. Daher habe ich mich mit einigen Leuten für eine aufregende Arbeit zusammengetan.

Wir haben unsere Arbeit in drei Bereiche unterteilt:

Gesetzesinitiativen

  • Wir prüfen gerade die Möglichkeit eines Prozesses gegen Weight Watchers nach Vorbild der Prozesse gegen die Tabak-Industrie. Weight Watchers weiß, dass Diäten nicht funktionieren. Tatsächlich beruhen ihre Gewinne auf einer Rückfallquote von 97%. Dies ist ein Punkt, den wir gegen sie vorbringen können. Die zweite Idee, die eigentlich viel beunruhigender ist, ist die, welchen Einfluss wiederholtes Diäthalten auf die körpereigenen Regelungsmechanismen des Stoffwechsels hat. Der Stoffwechsel verlangsamt sich nach und nach, was dazu führt, dass Nahrung „zu effektiv“ genutzt wird.
  • Isst man danach mehr als auch nur ein Bisschen, führt dies zu Gewichtszunahme. Eine solche Kampagne würde die breite Masse der Frauen mobilisieren.
  • Wir prüfen, was getan werden kann um die Gesetzgebung zu einer Anti-Diät-Haltung zu ermutigen. Entsprechende Anträge hat das Parlamentsmitglied Alice Mahon bereits drei mal eingereicht.

Ethisches Konsumdenken

  • Uns schwebt ein „ANYBODY“-Kennzeichen vor, ähnlich dem der Soil Association in Großbritannien für BIO-Erzeugnisse, welches der KonsumentIn zeigt, dass Kleidung unter ethischen Gesichtspunkten produziert wurde, mit angemessener Bezahlung unter geregelten Arbeitsbedingungen; dass die zur Herstellung verwendeten Materialien nachhaltig produziert worden sind und gesundheitlich unbedenklich für die am Arbeitsprozess Beteiligten sind und dass für die Produkte keine Werbung mit Models erfolgt, deren Maße dazu beitragen, dass sich Frauen und Mädchen als zu dick empfinden.
  • Wir sind auf eine Zusammenarbeit mit einzelnen führenden britischen Einzelhändlern aus, um deren Angebot an Kleidergrößen zu erweitern, ihre Kleidungsartikel von Models mit unterschiedlichen Maßen zu präsentieren und alle Kleidergrößen als gleichermaßen schick darzustellen und nicht die größeren lediglich als „Big and Beautiful“. Wir stehen in Kontakt mit Massenartikelgeschäften, deren Hauptkundschaft junge Frauen sind.
  • Wir versuchen im Oktober 2002 eine neue landesweite Größenuntersuchung in Großbritannien zu starten, die zeigen soll, welche Größen die Menschen in der Realität tragen, um die Vorstellung von einer Größenvielfalt in ein positives Licht zu rücken.

Bildung

  • Der Versuch, die Fähigkeit zu Emotionalität an Schulen zu etablieren, damit die normalen Konflikte des Erwachsenwerdens bei Kindern nicht dazu führen, ihre Körper zu transformieren.
  • Ausbau von Kursen aus Australien, Deutschland und den USA, in denen soziale Geschichte von Mode und Ästhetik behandelt wird und die emotionalen Aspekte bei Essensverweigerung und Essen-ohne-hungrig-zu-sein aufgreift.
  • Arbeit im Öffentlichen Dienst um eine Verbindung im Denken zwischen Gesundheit und Bildung zu erreichen. Eine Verbindung herzustellen zwischen einer immer übergewichtigeren Bevölkerung und einer Kultur des Schlankseins.

Medizin – Sport

  • Zusammenarbeit mit Hebammen und SozialarbeiterInnen, damit nicht gerade gewordene Mütter, die extrem besorgt über ihr eigenes Essverhalten und das ihrer Kinder sind, ihre Probleme unwissentlich mit der Muttermilch weitergeben.
  • Erschaffung von Behandlungszentren für Menschen mit Ess- und Körperbildstörungen, in denen die damit verbundenen sozialen und emotionalen Aspekte angesprochen werden und in denen die in Schwierigkeit Geratenen mit Respekt behandelt werden (Einige Behandlungen in Großbritannien sind eher brutal, und verweigern den PatientInnen mit Essstörungen ihre Bürgerrechte).
  • Wir wollen mit Trainern so zusammenarbeiten, dass diese die stärkere Bedeutung der Fitness gegenüber Muskelmasse für das körperliche und seelische Wohlbefinden betonen.

Medien

  • Zusammenarbeit mit solchen kreativen Werbeagenturen, die uns helfen werbewirksame Wege für eine erweiterte Darstellung von Mädchen- und Frauenkörpern zu finden. Wir arbeiten eng zusammen mit einem Hersteller von Schönheitsartikeln und hoffen, dass diese Kampagne Einfluss darauf haben wird, wie den Frauen ihr Körper „zurückverkauft“ wird.
  • Einige Arbeit in Form von Anti-Werbung, sog. „AD-Busters“, in denen die Bedeutung der Werbungen untergraben wird und deren wahre Absichten zu Tage treten.
  • Wir arbeiten mit Modedesign-StudentInnen der führenden Universität zusammen, um eine erweiterte Ästhetik zu kreieren und sexy und attraktive Designs in unterschiedlichen Größen herzustellen.
  • Wir hoffen, ein paar Cyberspace-Figuren zu kreieren, die Mädchen so darstellen, wie sie sein „können“, in all ihrer Pracht und Komplexität.

An der politischen Front nehmen wir Kontakt mit Einzelnen und Gruppen auf und versuchen uns sowohl mit denen zu verbinden, die Erfahrung haben im Durchführen von Kampagnen als auch mit solchen, die mit uns natürlicherweise sympathisieren aber vielleicht noch nicht in diesem Sinne über eine Politik des Körpers nachgedacht haben. Wir waren und sind in Kontakt mit der Führung der „Jubilee 2000“-Bewegung“, die sich für die Aufhebung der „Schulden“ der Dritten Welt einsetzt. Wir stehen in Kontakt mit Naomi Klein von No Logo und George Monbiot, einem britischen Umweltaktivisten.

Dies sind einige der Initiativen, von denen wir glauben, dass sie für eine Änderung des Gedankenguts und des kulturellen Zwangs, dünne Körper zu vermarkten, wichtig sind. Wir sind überzeugt, dass es möglich ist, die Situation für Mädchen und Frauen zu verändern aber dazu bedarf es all unserer politischen und therapeutischen Kraft.

Referenzen

Becker, A. (1995). Body, Self and Society: the view from Fidji, University of Pennsylvania Press
Orbach S. (1978). Fat is a feminist Issue, London Paddington Press (Anti-Diät-Buch)
Orbach S. (1982). Fat is a feminist Issue II, London Arrow Books (Anti Diät Buch II)
Orbach S. (1986). Hunger strike, London Faber and Faber (Magersucht)
Orbach S. (2002). On Eating, London Penguin

Dr. Susie Orbach
Women`s Therapy Centre
2 Lancaster Drive
GB - London
NW 3 4 HA
Great Britain



 
  Dezember 2006