Interview: mit dem Alevi Bekta‡i Kulturverein in Nrnberg In den letzten Jahren hat in der Linken die Selbst- erforschung Konjunktur. Um ¯keine RassistIn® zu sein, verbietet sich scheinbar auch Kritik an reaktion„ren und faschistischen Str”mungen, die sich als religi”s- islamisch bezeichnen. Die pauschale Hetze der rechten Politiker und ihrer selbsternannter ¯Experten® wie Scholl- Latour (¯das Schwert des Propheten®) scheint diese Haltung moralisch zu erzwingen. Ein bedauernswertes Beispiel ist die anerkannte Orien- talistin Annemarie Schimmel, die in der ¯Tagesschau® Verst„ndnis fr die Morddrohung gegen Salman Rushdie zeigte. Máte dieses Verst„ndnis dann nicht auch auf den fundamentalistischen Mob angewendet werden, der in Shivas 70 Intellektuelle ermordete, weil er sich durch einen Gedenktag der alevitischen ¯Ungl„ubigen® provoziert fhlte ? Solche Haltungen sind positiver Rassismus. Da werden in der pauschalen Verteidigung auch von Auswchsen alle Unterschiede verwischt, alle Moslems in einen Topf geworfen und mit diesen Auswchsen identifiziert. Kasten mit Grundinfos In der Trkei gibt es 20-25 Millionen AlevitInnen, das ist etwa ein Drittel der Bev”lkerung. Viele Linke, viele GewerkschaftsaktivistInnen geh”ren zu ihnen. Seit dem Putsch der unter NATO - Kommando stehenden Armee im Jahr 1980 nimmt der Druck auf die AlevitInnen zu. Die faktisch immer noch mitregierenden faschistischen Milit„rs versuchen ideologisch eine Synthese des trkischen Nationalismus mit fundamentalistischem Gedankengut zu finden, um eine ideologische Front gegen die Linke zu schmieden. Die AlewitInnen werden vom trkischen Staat wie alle fortschrittlichen und demokratischen Kr„fte verfolgt. Vor einem Jahr brannte ein fundamentalistischer Mob ein Hotel in Shivas nieder, in dem Dichter und Intellektuelle des von den AlewitInnen verehrten Dichters und gewaltlosen Freiheitsk„mpfers Pir Sultan gedachten. 70 Menschen kamen bei dem Brand ums Leben, w„hrend die Polizei im offener Komplizenschaft zuschaute. Als vor kurzem G„ste in einem Cafe im berwiegend alevitischen Istanbuler Stadtteil Gaziosmanpaza von ¯Unbekannten® - vermutlich staatlichen Todesschwadronen - erschossen wurden, gingen die AlevitInnen auf die Straáe. Die bis dahin auff„llig abwesende Polizei ging daraufhin mit groáer H„rte gegen die DemonstrantInnen vor. Seitdem sind die AlewitInnen bei uns ein Medienthema, aber echte Informationen sind selten. Wir sprachen mit dem jetzigen und dem frheren Vorsitzenden des alevitischen Vereins in Nrnberg. WL: Nach den Angriffen in Istanbul gab es Demonstrationen der Aleviten. Da die meisten Leute hier sehr wenig darber wissen, m”chten wir sie bitten, etwas darber zu erz„hlen AB: Der Alevismus geh”rt zum Islam, er ist nicht vom Islam zu trennen. Er hat sich reformiert, und ist heute eine demokratische Weltanschauung, er bemht sich mit allen Mitteln, die Demokratie zu verteidigen. Die meisten Aleviten geh”ren zu den Linken und k„mpfen gegen den Fundamentalismus. Wir sind offen zur Welt. Unsere Weltanschauung ist nicht allein religi”s. Die Grundpfeiler sind Freundlichkeit, Menschenliebe und Toleranz. Unsere Religion hat viel von Materialismus: Gott ist nicht allm„chtig, jeder Mensch k”nnte Gott sein. Gott ist im Herzen jedes Menschen. Nicht Gott hat die Menschen erschaffen, sondern die Menschen haben Gott erschaffen. In unserem Ritual wird groáer Wert auf die Lebensweise gelegt. Frauen und M„nner sind gleich. Das Ritual ¯Cem® findet fr M„nner und Frauen in einem Raum statt, es gibt keine Trennung. WL: Da sind sie weiter als die katholische Kirche, die ja Frauen nicht in religi”sen Funktionen zul„át. AB: In der Hierarchie sind bei uns bisher nur M„nner, aber das ist keine religi”se Vorschrift des alevitischen Glaubens. Eine Frau, die sich berufen fhlt, kann religi”se Funktionen bernehmen. WL: Wann fand die Reform statt, von der sie vorhin gesprochen haben ? AB: Erst einmal ist der Alevismus immer wieder offen, reformiert sich immer wieder selbst. Wenn etwas immer wieder passt, wird es ge„ndert. Vor ca. 1400 Jahren wurde der Alevismus unabh„ngig vom Islam. [dabei spielte eine Rolle, ob Hz. Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds, in dessen Nachfolge anerkannt wurde] Vor ca. 400 Jahren hat Hnkar Haci Bekta‡ Veli in heutigen Anatolien (Trkei) die alevitische Religion reformiert. (Bild ) Er hat vor 400 Jahren die Gleichberechtigung eingefhrt. Der Schleier war seitdem nicht mehr religi”se Vorschrift, sondern kulturelle Tradition. Die Frauen verschleiern sich nur, wenn sie wollen - z.B. um sich gegen die Sonne zu schtzen. Es gibt 3 Gebote [Punkte] 1. Wir sollen unsere Zunge vor Schlechtem hten, d.h., nicht lgen, oder beleidigen. 2. Wir sollen unsere H„nde vor Schlechtem hten, d.h. nicht stehlen, nicht schlagen, 3. Wir sollen ¯unseren Rcken hten®, d.h. uns nicht von sexuellen Begierden beherrschen lassen. Die Vielehe wurde abgeschafft. Ein Mann darf nur mit einer Frau zusammenleben, die Partner mssen zusammenbleiben. Scheidungen waren bei uns bis vor kurzem unbekannt. Diese drei Gebote mssen wir einhalten. Wer diese Gebote bertritt, wird im ¯Cem® [j„hrliche (?) religi”se Versammlung] befragt. Wer schuldig ist, wird - manchmal fr immer - aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Wer das dritte Gebot bertritt, oder wer einen Menschen ermordet, wird auf jeden Fall fr immer ausgeschlossen. WL: In anderen St„dte, z.B. Berlin heiát es, daá seit den Angriffen in Gazi Osman Paza (Istanbul) zwischen trkischen Aleviten und Sunniten Spannungen da sind, so daá die Aleviten lieber unter sich bleiben. AB: Wir sind fr Frieden, aber wenn man uns mit Worten oder Taten angreift, dann werden wir uns wehren, mit demokratischen Mitteln. In Nrnberg gab es noch keinen Angriff. Vor kurzem haben wir eine Demo wegen Gazi [Osman Paza] gemacht, einen Kranz niedergelegt, und mit dem Konsulat geredet. Immer hat der [trkische] Staat versucht, uns zum sunnitischen Islam zu bekehren. Trotz Verboten und Gewalt haben wir unsere Religion, unsere Lebensweise und Kultur bis zum heutigen Tag bewahrt; und jetzt haben wir gesehen, daá wir uns nur selbst helfen k”nnen, deshalb organisieren wir uns. Hier und in der Trkei. In der Trkei will der Staat verhindern, daá wir uns organisieren. WL: Was geht denn das den Staat an ? AB: Offiziell gibt es in der Trkei keine Staatsreligion. In Wirklichkeit ist der Sunnismus die Staatsreligion. Zum Beispiel ist Religion Pflichtfach - und es wird nur die sunnitische Religion gelehrt. In alevitischen D”rfern werden vom Staat Moscheen gebaut, obwohl wir Aleviten da nicht hingehen. Wir haben in der Trkei eine multikulturelle Gesellschaft. Wir schauen nicht auf Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Der trkische Staat lehrt das Gegenteil in den Schulen, und erzieht die Kinder zu Nationalisten. Die Existenz des kurdischen Volkes wird geleugnet. WL: Wie beurteilen Sie islamischen Religionsunterricht in den Schulen ? AB: Wir sind gegen Religionsunterricht in staatlichen Schulen und gegen religi”sen Pflichtunterricht. Religionsunterricht sollte freiwillig und auáerhalb der Schulen stattfinden. Das ist unser Ziel. Aber wenn es an den Schulen islamischen Unterricht gibt, werden wir uns bemhen, daá es auch alevitischen Religionsunterricht gibt. WL: Es heiát, teilweise bezahle der trkische Staat die Lehrer ? AB: Dagegen wrden wir uns wehren. Da lassen wir unsere Kinder nicht hingehen. In Bayern bezahlt der Staat die trkischen Religionslehrer, aber lehren nur einseitig, nur sunnitischen Islam. WL: Der Alevismus war bisher relativ unbekannt. Wollen Sie mehr an die ™ffentlichkeit gehen ? AB: Mit dem letzten Attentat des Staates in Gazi Osman Paza haben Viele erfahren, daá es den Alevismus gibt. Das Europaparlament hat sich mit Gaziosmanpaza besch„ftigt. Jetzt sind wir organisiert. Es gibt 120 Vereine in Europa, wir sind z.B. auch in England, in Holland oder Frankreich vertreten. Leider berichtet das Fernsehen oft nicht korrekt ber uns; die Journalisten sollen sich bei den alevitischen Vereinen erkundigen, bevor sie schlecht recherchierte Berichte bringen. Wir sind jederzeit offen und bereit, den alevitischen Glauben Jedem und Jeder zu erkl„ren. Kontakt: Alevi Bekta‡i Kulturverein Nrberg, Raabstr. 24, Tel. 0911/317323 F”deration der alevitischen Vereine Deutschlands ABF: Konrad- Adenauer-Str. 28, 51149 K”ln.