W A S L E F F T 146 Juli/August 94 worte statt taten. aus erlangen. erscheint zweimonatlich, Probeexemplar umsonst. Feldstraße 22, 91052 Erlangen, Fax 09131 205020 e-mail an J.POEHLMANN@LINK-N.nbg.sub.org Nachdruck frei bei Quellenangabe gegen Belegexemplar > A K W V I E R E T H >Am 15. Mai 94 fand in Viereth eine >Großkundgebung gegen ein anscheinend >in Planung befindliches Atomkraftwerk >(AKW) statt. Über 4000 De- >monstrantInnen protestierten lautstark >gegen dieses Vorhaben des Freistaates >und der Bayernwerk AG. Bisher gibt es nur Gerüchte. Niemand aus Regierung oder Wirtschaft gibt ein- deutige Statements ab, ob nun der Standort Viereth oder ein anderer für den Bau des schon seit langem gewünsch- ten AKWs durchgesetzt werden soll, oder nicht. Im Stillen hoffen die Verantwortlichen wohl, daß sie durch das Schaffen von Tatsachen den Wider- stand aus der Bevölkerung übergehen können. Der Standort spricht augen- scheinlich für sich: - Ausreichende Kühlwasserkapazitäten werden durch den RMD-Kanal zur Ver- fügung gestellt - Neue 380KV-Trassen sorgen für die Verteilung der großen Strommengen - Die Umspannwerke Eltmann und (neu) Oberhaid gewährleisten die Stromver- sorgung des AKWs für Notfälle - Die Infrastruktur ist prächtig (Autobahn und Bahn für Anlagenteile und Brennstoffzufuhr) - Anliegende Gemeinden werden auf Fernwasser umgestellt, da eigenes Trinkwasser ausfällt - Geeignetes Bauland wird per Ver- ordnung freigehalten Ähnlich günstige Eigenschaften hat ei- gentlich nur noch der Standort Schwein- furt (Grafenrheinfeld). In diversen Kreisen wird nun vermutet, daß dies ein geeigneterer Platz wäre, da durch die hohe Arbeitslosigkeit in dieser Region davon ausgegangen wird, daß die dort ansässigen Leute das Maul eher halten als in der schon sensibilisierten Ge- gend um Viereth. Tatsächlich hat sich in und um Bamberg bereits ein gut orga- nisierter Widerstand gebildet: der Ver- ein "Vierether Kuckucksei e.V." erfreut alljährlich mit seiner Zeitung eine ständig wachsende Leserschaft. Vielfäl- tige Info-Veranstaltungen und De- monstrationen beweisen, daß es nicht so einfach sein dürfte, ein AKW ohne nen- nenswerten Widerstand hinzuklotzen (Wackersdorf lässt grüßen). Noch mehr Den Bau von mindestens ein bis zwei neuen AKWs in Deutschland hat der Wis- senschaftlich-Technische Beirat der Staatsregierung empfohlen. Der Ausstoß von Kohlendioxid könne damit "vergleichsweise kostengünstig" erheb- lich reduziert werden und bestehende Kohlekraftwerke ersetzt werden. Im Bei- rat sitzen natürlich Vertreter der gut am Atomgeschäft verdienenden Firma Sie- mens. Obwohl nach wie vor Fragen der Reaktorsicherheit und vor allem die der Endlagerung nicht gelöst sind, wird weiterhin mit unglaublicher Dreistig- keit Stimmung für die Atomkraft ge- macht. Bayerns Minipräsident Stäuber entblödet sich nicht bei der Vorstel- lung der Studie mit den Worten: "Es wäre ein Schildbürgerstreich, wenn wir unsere sicherheitstechnisch führenden deutschen Atomkraftwerke abschalten und dafür Strom aus unsicheren osteuro- päischen Reaktoren importieren würden." Weiterhin droht er mit dem, was das Volk am besten versteht: die Strom- preise müßten bei einem Ausstieg aus der Atomenergie steigen. Noch sicherer EPR - so soll er heißen. Das bedeutet jedoch nicht "Ein Prima Reaktor", son- dern "European Pressurized Water Reac- tor". Genossen bei der Arbeit Atomkraftwerke werden in Europa prak- tisch nicht mehr gebaut. Die herkömm- lichen Anlagen sind nicht mehr geneh- migungsfähig; sie ent-sprechen nicht mehr dem neuesten Sicherheitsstandart. Die Reaktorher-steller arbei-ten an sog. "sicheren" Re-aktoren. Sie-mens und Framatom (Frankreich) wollen ge- meinsam den europäischen Druckwas- serreaktor EPR bauen. Ziel ist "die Reduzierung der Eintrittswahrschein- lichkeit von Kernschmelzunfällen und eine Begrenzung der Freisetzung radio- aktiver Stoffe bei solchen." Sehr schön! Jedoch ändert sich an der grund- legenden Technik nichts, "normaler" Re- aktorbetrieb ist nach wie vor ein hin- und herlavieren zwischen zuviel und zu- wenig Neutronenfluß. Dies entspricht dem Tanz auf dem Vulkan. Aus dem neuen Reaktor entweichen, be- hauptet Siemens, bei einer Explosion keine radioaktiven Substanzen (CäSiUm, Tellur, Jod, Edelgase) mehr. Das vermeidet die - ohnehin illusorische - Umsiedlung und Evakuierung der Bevölke- rung nach einem GAU. Das wird wohl weiterhin ein Wunsch- traum der Industrie bleiben. Denn der EPR beherrscht den schlimmsten Unfall des herkömmlichen Druckwasserreaktors, das "schnelle Hochdruckversagen" nicht. Er kann es bestenfalls etwas seltener machen. Bayernwerk AG In Bayern bildete sich Mitte der 50er Jahre ein einflußreicher Komplex aus Wissenschaft, Privatindustrie und Staatsbürokratie heraus, der sich mas- siv für den Ausbau der Atomenergie ein- setzte. Bayern konnte aufgrund einer reibungslosen Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen politischen Akteuren auf den ersten deutschen Forschungsre- aktor (Garching, s. WL Nr. 144) und deas erste deutsche AKW (Versuchs-AKW Kahl) verweisen. Diese Interessenge- meinschaft schlug sich auch 1957 in der Gründung der Gesellschaft für Entwicklung der Atomkraft in Bayern nieder. Neben den Farbwerken Hoechst (8%) und dem Freistaat Bayern (28%) waren hier verschiedene regionale Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) und das Bayernwerk (jeweils 16%) vertreten. Das Bayernwerk richtete im gleichen Jahr ein Referat Atomenergie im Unternehmen ein. Im Juli 1962 wurde die Kernkraftwerk RWE - Bayernwerk GmbH gegründet, an der das Bayernwerk 25% besitzt. Zweck dieser Gründung war die Errichtung eines 237MW-AKWs (Grundremmingen). Es war zeitweise das größte Siedewasser- AKW der Welt und außerdem das erste Demonstrations-AKW der BRD. Die einkalkulierte Unwirtschaftlichkeit des Reaktors, dessen Sinn lediglich darin bestand, eine deutsche Reaktorlinie zur Konkurrenzfähigkeit weiterzuentwickeln, konnte nur mit umfangreicher finanzieller Hilfe nationaler und supranationaler Institutionen aufge- fangen werden. Ähnlich lag der Fall beim AKW Niederaichbach. Die Trägergesellschaft Kernkraftwerk Niederaichbach GmbH wurde 1965 als 100%ige Tochtergesellschaft des Bayernwerks gegründet. Dieser Prototyp eines Schwerwasser-Druckröhren-Reaktors scheiterte allerdings nach nur wenigen Betriebstagen kläglich. Dem zum Trotz tönte das Bayernwerk, daß seine Aufwendungen für den Ausbau der Atomenergie höher als bei allen anderen bundesdeutschen EVU gewesen seien. 1971 folgte in Kooperation der Bayern- werk AG mit den Isar-Amperwerken AG der Beschluß zum Bau des AKWs Isar 1. Nach dem Ölpreisschock von 1973 folgten dann zwei 1200MW-Blöcke in Grundremmingen, ferner Isar 2 und Grafenrheinfeld. Das Bayernwerk legt seit Ende der siebziger Jahre das Schwergewicht seiner Investitionen auf Beteiligungen an regionalen EVU und auf die Bereiche Entsorgung und Wiederaufbereitung. 1979 wurden Verträge mit der Companie Gene- nerale des matieres nucleaires (Cogema) abgeschlossen. Ein Großteil des bayer- ischen und bundesdeutschen Atommülls wandert somit in die Wiederaufberei- tungsanlage La Hague und im geringeren Umfang nach Sellafield (früher: Wind- scale). Selbstverständlich mischte die Bayernwerk AG auch am Wiederaufbe- reitungsprojekt in Wackersdorf kräftig mit. Zur Zeit versucht sie die Atom- stromkapazität in Bayern auf über 70% hochzutreiben, was eigentlich schon bis 1988 geplant war. Im Aufsichtsrat sitzen oder saßen so klangvolle Namen wie Max Streibel, Anton Jaumann, Franz Josef Strauß, Ludwig Huber (Bay. Landesbank), Peter Pfeiffer (Bay. Vereinsbank AG), Rolf Rodenstock (Präsident der Industrie und Handelskammer München) etc. etc. Aufsichtsratstantiemen im Jahr 1985: 224.000 DM. Aufgrund des Zusammenschlußes der Bayernwerk AG mit der Viag AG hat der Freistaat Bayern jetzt seine Anteile an der Bayernwerk AG in Höhe von 58,3% verkauft. Dies geschah im Zuge der Privatisierung. Der recht erkleckliche Preis von 2,3 Milliarden DM erfreute alle Seiten. Außerdem erhält der Freistaat noch 25,1% der Anteile an dem fusionierten Unternehmen. Laut Stäuber wird der Erlös in "Zukunftsinvestitionen" gesteckt. Das diese zum großen Teil zurück an die Atom-Mafia fließen werden, darf wohl erwartet werden. -- meinen PGP - key anfordern: Empfangsbestätigung anfordern bzw. Nachricht mit Betreff "##" an mich schicken. PGP - Verschlüsselung für die Massen.