Drogen Disko

I don't wanna change laws, I wanna break laws

Jerry Rubin 1968

Ob eine Droge abhängig macht oder gar tödlich wirkt, entscheidet die Verwendungsweise. Heroin z.B., in Reinform und korrekt dosierbar erhältlich, hinterläßt nicht zwangsläufig körperliche Schäden. Erst unter den Schwarzmarktbedingungen kommt es zur gesundheitlichen Verelendung: durch die unberechenbare Reinheit, die zu versehentlichen Überdosierungen führen kann; durch schlechte Ware und damit verbundenen, zehrenden Psychopharmaka-Beikonsum zur Wirkungssteigerung; durch die hohen Preise dank der vielen notwendigen Zwischenhändler und der damit verbundenen Prioritätensetzung des Heroingebrauchs gegenüber Nahrung und Wohnung; durch Krankheitsübertragung bei erzwungenem Spritzenteilen; sowie durch die mitunter ruinösen psychosozialen Folgen der Repression. Insofern sind die 2.000 "Herointoten" im Jahr tatsächlich auch Heroinverbotstote.

Die Hanfbewegung frohlockte bezeichnenderweise, als ein Lübecker Richter das Bundesverfassungsgericht anrief, das Hanfverbot ad acta zu legen. Nicht bloß in der Wahl des Rechtswegs, sondern vor allem in der Argumentation erweisen die KifferInnen sich als gute StaatsbürgerInnen und Adepten genau jener Drogenverbote, die sie vorgeben zu bekämpfen. Bereits im Lübecker Vorlagebeschluß heißt es zur Bergündung des naturrechtlich abgeleiteten "Rechts auf Rausch": «Je technischer, schneller und funktionaler eine Gesellschaft aufgebaut ist, desto stärker wird das Bedürfnis, aus dieser Umklammerung auszubrechen.» Die Kifferverbände aber übertreffen in bürgerlicher Gesinnung noch ihren Mentor Neskovic, der es wenigstens gut meinte. Statt die Moralisierung des Rechts, wie es Ausdruck im Betäubungsmittelgesetz findet, zu kritisieren, bejammern viele verschiedene Hanfverbände in einer gemeinsamen Presseerklärung nach dem BVG-Entscheid, dieser sei so seelenlos gewesen - als sei es nicht die Crux der Drogenpolitik, daß so viel Empfinden und so wenig Vernunft in ihr steckt. Im Ersuchen, der Staat möge endlich ihr heißgeliebtes Kraut unter seine ausdrückliche Zustimmung stellen, ist ihnen kein Argument je zu schade gewesen, ihre Harmlosigkeit und Bereitschaft unter Beweis zu stellen. Da wird stets behauptet, KifferInnen hätten nichts mit Kriminellen zu tun - als gäbe es eine wesenhafte Kriminalität jenseits jener, die der Gesetzgeber nun mal definiert. Da wird verwiesen auf die Steuereinnahmen, die sich der Staat entgehen läßt, wie das "Recht aufs Kiffen", das man sich per Steuernzahlen, so scheint's, erwerbe, denn anders läßt sich der Medienverweis auf diese an sich banale Tatsache nicht deuten. Da wird argumentiert, die Gewinne für den Hanf kämen bloß der Rauschgiftmafia zugute, als ständen Profite nicht dem zu, der sie am Markt erzielt, sondern dem guten Kapitalisten, den alle leiden können. Wesenhafte moralische oder sonstwelche Unterschiede aber lassen sich nur festhalten, wenn man sich der guten deutschen Tradition hingibt, zwischen "raffendem" und "schaffendem" Kapital - dem guten Bösen, zu trennen, zu dem dann der Wahn einer internationalen Verschwörung der organisierten Rauschgiftkriminalität wie die Faust aufs Auge paßt.

Aber nun Schluß damit! Am 1. Februar tritt eine Gesetzesaänderung in Kraft, die den Handel mit Cannabissamen verbietet, wenn sie «nach den Umständen zum unerlaubten Anbau bestimmt» sind. Jetzt jammert die Branche: dreißig, fünfzig, achtzig Prozent vom Umsatz weg! Mitarbeiter müsse man entlassen, die Lagerbestände wertlos! aus der ZEIT vom 29. Januar 1998

Als KonsumentInnen, wie si im Buche stehen, wissen Kifferbewegte nämlich Bescheid: Eigentlich gibt es keine vollkommenere Ware als Hanf. Ständdig meinen sie darauf verweisen zu müssen, daß ihre Droge keine Therapien brauche, keine Toten hervorbringe und derlei mehr - ganz im Gegensatz zu allen anderen illegalen und legalen Drogen. Insbesondere ohne die Retourkutsche gegen die, die Alkohol trinken und Zigaretten rauchen, scheinen sie nicht auskommen zu können, und rechnen ihnen, schon längst nicht mehr nur, um eine Doppelmoral zu belegen, vor, wie ungesund der Stoff sei und wie laut und aggressiv das Bier mache. Pur aus der Natur sei es, ein Allheilmittel für die Gesundheit, Versorgung und die Ökologie dazu, vielleicht gar deswegen. Das gute alte deutsche Wandervogel-Ideal, daß alles aus der Natur großartig sei, alles "Synthetische" aber verdorben - weil selbstherrlich vom Menschen erschaffen statt demutsvoll empfangen -, diese häßliche Mischung aus Kitsch und brutaler Zivilisationsverachtung feiert wieder fröhlich Urständ, ob im Ressentiment gegen chemische Drogen, Schulmedizin oder hübsche Kleidung. Nicht mal die Tatasache, daß sein dope in Holland unter Kunstlicht gewachsen ist, vermag den Kifferbewegten zu erschüttern. Lieber behauptet er, die derzeitige ökonomische Krise, deren Unaufhebbarkeit unter kapitalistischen Bedingungen so lächerlich offenkundig ist, sei Folge der Tatsache, daß eine Ware, die Pflanze Hanf nämlich und das aus ihm gewonnene Papier, dem Weltmarkt nicht zur Verfügung stünde, daß wir es ohnehin nicht mit einem Problem zwischen Menschen, gefaßt in altbackenen, reflexionsbedürftigen Begriffen wie Armut, Ausbeutung und Lohnarbeit, zu tun haben, sondern mit einem falschen Verhältnis "der Menschheit" zur Natur. In der Krise haben Heilsideologen, an deren Wahn angeblich Wohl und Wehe aller hängen, Hochkonjunktur.

Inzwischen blühen in Brandenburg Hanffelder, ohne daß alles gut ist, doch bislang gibt es auch noch nicht zu jedem Produkt eine Alternative aus Hanf, und so muß die Mission weitergehen, zu deren Unterstützung Hanf-Magazine auch gerne Marketingpreise ausschreiben. Doch wie die, die die Sonne im Herzen und das Rezept gegen alle Übel in der Tasche haben, sehen auch die nicht aus, die in Hanfklamotten herumlaufen - Klamotten, die teurer, kratziger und weniger elegant als Leinen sind, dafür aber Gesinnung demonstrieren. So lobt das Handbuch von Jack Herer, Standardwerk der Kifferbewegung, ausgerechnet eine "Hanffibel" des nationalsozialistischen Deutschlands, die seitenlang dokumentiert wird, für ihren unverkrampften Umgang mit dem Hanfanbau, obwohl (oder weil?) recht unverblühmt ausgesprochen wird, worum es geht: autark sein für den Krieg. Wenn's um die Rettung der Welt geht, ist man bei der Wahl der Bündnispartner nicht wählerisch.

Bei diesem Beitrag wurde der erste Satz geändert, was leider - wegen der Anonymität des Autors - ohne Absprache geschehen mußte. Außerdem wurde er stilistisch und orthographisch korrigiert.