Eine kleine Geschichte des Ersten Mai

Her mit dem Achtstundentag

Seit Beginn der industriellen Revolution um 1800, seit der Herausbildung des Indus-trieproletariats, war das alltägliche Leben der Lohnabhängigen völlig unerträglich geworden. Die Besitzlosen waren gezwungen, ihr ganzes Leben lang, oft von Kindheit an, den ganzen Tag bis mitten in die Nacht zu arbeiten, um ihr ärmlichstes Einkommen zu sichern.

Einen guten Einblick in das Lebensgefühl eines Fabrikarbeiters gibt Maxim Gorki in seinem Roman ,Die Mutter": "Tagtäglich zitterten und brüllten in der rauchigen, öligen Luft über der Arbeitervorstadt die Töne der Fabriksirene, und ihrem Ruf gehorchend, kamen aus den kleinen, grauen Häusern finstere Menschen, die ihre Muskeln durch Schlaf nicht hatten erfrischen können, gleich erschreckten Schaben auf die Straße gelaufen. In der kalten Dämmerung schritten sie auf der ungepflasterten Straße zu den hohen Steinkäfigen der Fabrik, die sie mit gleichgültiger Zuversicht erwartete und den schmutzigen Weg durch Dutzende fetter, gelber, quadratischer Augen erleuchtete. ....

Abends, wenn die Sonne unterging, und ihre roten Strahlen müde auf den Fensterscheiben der Häuser glänzten, stieß die Fabrik die Menschen gleich übriggebliebenen Schlacken aus ihrem Steinschoße aus, und sie schritten wieder die Straßen entlang, rauchgeschwärzt, mit schwarzen Gesichtern, in der Luft den klebrigen Geruch des Maschinenöls verbreitend, mit blinkend hungrigen Zähnen. .... Manchmal kamen von auswärts fremde Leute in die Vorstadt. Zuerst lenkten sie die Aufmerksamkeit einfach dadurch auf sich, daß sie Fremde waren, dann erregten sie durch Erzählungen von den Orten, wo sie gearbeitet hatten, ein leichtes äußeres Interesse für sich, schließlich aber verloren sie den Reiz der Neuheit, man gewöhnte sich an sie, und sie wurden nicht weiter beachtet. Aus ihren Erzählungen ging hervor, daß das Leben des Arbeiters überall dasselbe war. Wenn dem aber so war - worüber sollte man reden?

Hin und wieder aber erzählten solche Leute doch in der Vorstadt noch nicht gehörte Dinge. Man stritt mit ihnen nicht, sondern hörte ungläubig zu. Ihre Reden erweckten bei den einen blinden Zorn, bei den anderen dumpfe Unruhe, die dritten endlich beunruhigte ein leiser Schimmer von Hoffnung auf etwas Unklares, und man trank noch mehr, um die überflüssige, lästige Unruhe zu unterdrücken.

Wenn die Vorstädter an einem Fremden etwas Ungewohntes wahrgenommen hatten, konnten sie ihm das lange nicht vergessen, und ihr Verhalten gegen einen solchen Menschen, der nicht ebenso war wie sie selbst, war von einer unbestimmten Furcht bestimmt. Sie hatten gleichsam Angst, dieser Mensch würde in ihr Leben etwas hineintragen, was dessen trostlos einförmigen, zwar schweren, aber doch ruhigen Verlauf stören könnte. Die Menschen waren daran gewöhnt, daß das Leben sie mit stets gleicher Kraft niederdrückte, sie erwarteten keine Änderung zum Besseren und glaubten, alle Veränderungen könnten nur den auf ihnen lastenden Druck vermehren. ... Hatte man dieses Leben fünfzig Jahre lang gelebt, so war man am Sterben."

Aus den ArbeiterInnen wurde das allerletzte bißchen Kraft herausgepreßt. Die Länge eines Arbeitstages wurde schier unendlich ausgedehnt und betrug 12, 15 oder sogar 17 und mehr Stunden täglich; nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder. Ferner war Sonntags- und Nachtarbeit keine Ausnahme.

In vielen Betrieben wurde den ArbeiterInnen gleich ein ganzer Wochenplan vorgesetzt, wie sie ihre Zeit zu verbringen hätten; häufig mußte in der Fabrik oder unter Tage gegessen und geschlafen werden. Aus diesen unerträglichen Lebensbedingungen heraus entstanden seit 1840 die ersten Arbeiterorganisationen, die im 1848 fertiggestellten ,Kommunistischen Manifest" ihre erste theoretische Grundlage fanden.

1866 kam die erste Internationale Arbeiterassoziation in Genf zusammen, bei der die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit als eine Vorbedingung benannt wurde, ohne welche allen anderen Bestrebungen nach Verbesserung und Emanzipation scheitern müßten. ,Sie ist erheischt, um die Gesundheit und körperliche Energie der Arbeiterklasse, d.h. der großen Masse einer jeden Nation, wiederherzustellen und ihr die Möglichkeit geistiger und sozialer Entwicklung, gesellschaftlichen Verkehrs und sozialer und politischer Tätigkeit zu sichern." Eine solche gesetzliche Regelung war bereits von den Arbei-terInnen in den USA verlangt worden, und somit formierte sich diese Forderung durch den Beschluß der I. Internationale zur ,allgemeinen Forderung der Arbeiterklasse der gesamten Welt".

Mehr Zeit zum Leben, mehr Zeit zum Kampf

Am 1. Mai 1886 begann in den USA ein mehrtägiger Generalstreik. In großen Industriestädten wie New York, Philadelphia, Chicago, ... , traten in insgesamt 11.562 Betrieben rund 350.000 Arbei-terInnen für den Achtstundentag in den Ausstand. In Chicago hatten an diesem Tag rund 40.000 Menschen die Arbeit niedergelegt, was die Fabrikherren mit Massenkündigungen beantworteten.

Dennoch verdoppelte sich in den ersten Maitagen die Zahl der Streikenden. Mit Unterstützung der Polizei setzten die Fabrikherren bezahlte ,Streikbrecher" ein, welche die Einheit der Streikenden zerstören sollten. Als es am 3. Mai zwischen Streikenden und Streikbrechern einer Nähmaschinenfabrik zum Zusammenstoß kam, ging die Polizei mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vor. Sechs von ihnen wurden im Kugelhagel getötet. Um gegen diese Bluttat zu protestieren, wurde für den 4. Mai eine Versammlung auf dem Haymarket, dem Heumarkt von Chicago, einberufen.

August Spieß verfaßte ein Flugblatt, auf dem unter anderem stand: ,Ihr habt jahrelang unermeßliche Unbilden ertragen; ihr habt euch zu Tode gearbeitet; ihr habt die Schmerzen des Hungers und des Mangels ertragen; ihr habt den Fabrikherren eure Kinder geopfert- kurz, ihr seid all diese Jahre hindurch erbärmliche Sklaven gewesen. Warum? Um die unersättliche Habgier zu befriedigen, um die Truhen eurer faulen und diebischen Herren zu füllen. Wenn ihr sie jetzt bittet, eure Bürde ein wenig zu erleichtern, dann senden sie ihre Bluthunde aus, um auf euch zu schießen, euch zu töten."

Die Protestversammlung verlief friedlich, bis ein Unbekannter eine Bombe warf, bei deren Detonation ein Polizist getötet wurde. Daraufhin eröffneten dessen Kollegen ziellos das Feuer auf die Menge; es gab zahlreiche Tote und Verletzte. In den drauffolgenden Tagen begann der US-amerikanische Staat eine wilde Verfolgungsjagd auf alle Mitglieder von Arbeiterorga-nisationen; eine Verhaftung folgte der nächsten. In einem einjährigen Schauprozeß wurden acht Personen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Geburtsstunde des Ersten Mai

Zum Gedenken an diese Ereignisse beschloß der Amerikanische Arbeiterbund (American Federation of Labor) 1888, am 1. Mai 1890 eine große internationale Kundgebung zu organisieren. Auf der II. Internationale in Paris 1889 wurde die Notwendigkeit einer solchen weltweiten Protestkundgebung ebenfalls festgestellt und zu diesem Zwecke auch der 1. Mai 1890 ins Auge gefaßt.

Dieser Beschluß, an einem Tag in allen Ländern der Welt Kundgebungen für den Achtstundentag zu organisieren, wurde zur Geburtsstunde der Maifeier. Die Forderung nach der gesetzlichen Begrenzung der Arbeitszeit wurde zur gemeinsamen Forderung des Weltproletariats.

Der erste internationale Feiertag der ArbeiterInnen

Am 1. Mai 1890 waren es dann hunderttausende von ArbeiterInnen, die in Europa und den USA unter der Losung des Kampfes um den Achtstundentag feierten. In Deutschland hatte es im Vorfeld Diskussionen gegeben, ob die ArbeiterInnen nach Feierabend friedlich demonstrieren, oder ob die Gewerkschaften zum Streik aufrufen sollten.

Doch nicht nur die Lohnabhängigen machten sich Gedanken, wie sie ihre Interessen am wirksamsten verkünden und durchsetzen könnten. Natürlich schlief auch der Feind nicht und brütete Strategien aus, wie eine Verwirklichung des Mai-feierbeschlusses verhindert und die Arbei-terInnenbewegung zerschlagen werden könnte. Dabei gab es von Seiten der Herrschenden unterschiedliche Ideen: während Bismarck auf den Einsatz von roher Gewalt bis zum Aufmarsch von Militärs schwor, schien es dem Kaiser taktisch klüger, den verständnisvollen ArbeiterInnenfreund herauszukehren, um so dem proletarischen Kampf die Schärfe zu nehmen.

Die Kapitalisten konnten sich auf jeden Fall ihres Rückhalts durch die Herrschenden sicher sein. Sie bildeten Unternehmerverbände, um ein geschlossenes Vorgehen bei der weiteren politischen und sozialen Entrechtung der ArbeiterInnen und bei der Zerstörung der Gewerkschaften zu ermöglichen.

In Leipzig wurde ein Pamphlet mit Maßregelungen gegen aufmüpfige Arbei-terInnen verfaßt, bei dem vor allem der Unterschied zwischen Punkt 1 und Punkt 2 auffällt:

"1. Wenn in einer Fabrik zwei Drittel der Arbeiter feiern, soll der Betrieb auf gewisse Zeit ganz geschlossen werden.

2. Fehlen nur einzelne Arbeiter, so sollen diese sofort oder in kürzest möglicher Frist entlassen werden.

3. Wegen Arbeitsverweigerung am Ersten Mai entlassene Arbeiter dürfen nur mit reduziertem Lohn und nur von ihrem alten Arbeitgeber wieder eingestellt werden.

4. Arbeiter, welche anläßlich des Ersten Mai entlassen wurden, dürfen während der folgenden 6 Wochen in keiner anderen Fabrik Aufnahme finden."

Obwohl sehr viele Menschen dem Beschwichtigungsaufruf der Sozialdemokraten gefolgt waren und ihre Protestkundgebungen auf den Feierabend verlegt hatten, protestierten etwa hunderttausend ArbeiterInnen durch Arbeitsniederlegung. Überall dort, wo es zu Streiks gekommen war, begannen die Unternehmer, ihre angedrohten Repressionen durchzusetzen. In Hamburg wurden 20.000 ArbeiterInnen ausgesperrt, d.h. gekündigt und auf die Schwarzen Listen der nicht wieder einzustellenden Personen gesetzt.

Diesen Angriff beantworteten die Gewerkschaften wiederum mit Streiks, die sich bis in den Spätsommer des Jahres hinzogen. Die ,Hamburger Maikämpfe" verdeutlichten nochmals besonders die grundlegenden Widersprüche zwischen Arbeit und Kapital und gaben somit den letzten Anstoß für die endgültige Formierung der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung. Die Idee des Maifeiertages war von Anfang an, die internationale Solidarität der Werktätigen zu bekunden.

-Resi

Quellen: Dieter Fricke: Kleine Geschichte des ersten Mai (Verlag: Marxistische Blätter, Ffm)

Jürgen Kuczynski: Geschichte des Alltags des deutschen Volkes Bd.3 (Verlag: PapyRossa)