"Wer trennt den Müll in den Köpfen?"

Interview mit zwei Besuchern
der BürgerInnenversammlung Angerviertel

Zu den Personen:

M.: Staatsangehörigkeit nichtdeutsch, trägt sich bereits länger mit dem Gedanken, auszuwandern und will dieses Vorhaben u.a. wegen solcher Vorgänge demnächst konkretisieren.

A.: Staatsangehörigkeit nichtdeutsch, lebt seit 9 Jahren in Deutschland und will noch etwas hierbleiben. Auf die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft will er verzichten, er sieht darin keine Lösung, sondern ist der Meinung, daß die Staatsbürgerschaft keine Rolle spielen darf.


23. April, Holocaust-Gedenktag: In Erlangen tagte die BürgerInnenversammlung Angerviertel. Mehr oder weniger wichtige Belange - wie ein Alligator in der Kanalisation und vergiftete Hundeknochen - bestimmten die Atmosphäre, bis eine Anwohnerin dasWort ergriff und sich über die dort lebenden "großen ausländischen" Bevölkerungsanteile beschwerte. Sie würden ihren Müll nicht richtig trennen, allmählich fühle sie sich "wie im Ausland" und "da fehlt nur noch die Moschee, auf unserem Rasen schreit die halbe Türkei herum".

Der Oberbürgermeister sah es nicht als seine "Pflicht" an, einzelne Beiträge zu "zensieren oder zu kommentieren" und äußerte Verständnis für das "Anliegen" der Rednerin. Angesichts der "hohen Ausländeranteile" in manchen Vierteln müsse man im Hinblick auf den "Gedanken der Integration" eine andere Verteilung überdenken. Daraufhin platzte zwei (ausländischen) Besuchern die Hutschnur und sie verließen unter Protest die Veranstaltung. Die beiden wollten es dabei nicht belassen, forderten verschiedene Stellen nachträglich auf, sich zu äußern und Aktivitäten zu diesem Thema zu entwickeln und fanden dabei nicht nur Unterstützung.

WAS LEFFT: Ihr habt am 23.4.98 die BürgerInnenversammlung Stadtteil Anger besucht. Warum seid ihr nach einiger Zeit unter Protest gegangen?

A.: Der Grund, warum ich so reagiert habe, waren rassistische Äußerungen einer Anwohnerin auf der BürgerInnenversammlung und weil sie von vielen anderen BesucherInnen dafür Beifall erhalten hat. Ganz allgemein und pauschal beschwerte sie sich über die im Angerviertel wohnenden AusländerInnen - nicht weil sie Konflikte mit bestimmten Personen hatte, sondern für sie ist allgemein die ihrer Ansicht nach hohe Anzahl von AusländerInnen ein Problem. Gekommen bin ich auf diese Versammlung, um mich für die Verkehrsberuhigung in meinem Wohnviertel einzusetzen. Warum ich dann letztendlich gegangen bin und nicht mehr weiter diskutieren wollte, war die Reaktion der anwesenden PolitikerInnen und VertreterInnen von soziokulturellen Einrichtungen, die sich nicht dazu verhalten bzw. dagegen geäußert haben. Auch der Oberbürgermeister, der sich sonst gerne "modern" präsentiert, bedankte sich höflich für den Wortbeitrag der Frau und stimmte ihr insoweit zu, daß es ein Fehler wäre, wenn die AusländerInnenkonzentration in einzelnen Stadtteilen zu hoch sei. Auch auf ihre Beschwerde ging er ein, daß "die AusländerInnen" ihren Müll nicht richtig trennen würden und lobte ihren Vorschlag, Informationszettel in mehreren Sprachen zu verteilen. Das ist nicht harmlos, "nur" weil es um Mülltrennung geht. Gerade solche Zuschreibungen an "die AusländerInnen" haben einen rassistischen Hintergrund: "saubere Deutsche" - "dreckige AusländerInnen". Um nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu werden, als "Ausländer" zuemotional zu reagieren, wartete ich erstmal ab, was andere sagen. Ich mußte aber feststellen, daß scheinbar niemand sonst diese Äußerungen wahrgenommen hat bzw. es für nötig befand, darauf zu reagieren. Dann bin ich aufgestanden und sagte, daß ich es zum kotzen finde, daß der OB mit keinem Wort die Beschwerden der Anwohnerin kritisiert hat. Wenn gesagt wird, daß es ein Problem sei, daß die "AusländerInnen" überhaupt hier existieren, daß es zu viele werden würden, daß sie den Eindruck hat, in der Türkei und nicht in Deutschland zu leben und was weiß ich noch für Probleme damit hat, das ist in meinen Augen Rassismus pur. Vorher hatte die Versammlung einen eher lustigen Verlauf: Beschwerden wie die eines Hundehalters, dessen Hund jemand mit vergifteten Knochen beseitigen will oder über einen in der Kanalisation lebenden Alligator wurde berichtet. Das war dann auch im Nachhinein die Ausrede vieler für ihre Reaktionslosigkeit - daß in so einer Kabarettsituation sie von solchen Äußerungen völlig überrascht gewesen wären.

WAS LEFFT: Die Reaktion des Oberbürgermeisters ist nicht besonders überraschend: von seiner Partei werden die AusländerInnenanteile in den Städten als zu hoch und als problematisch postuliert, z.B. auf dem Arbeitskreis "Große Städte" beschwor der Erlanger CSU- Stadtrat und Landtagsabgeordnete Joachim Herrmann wegen des "hohen Ausländeranteils" "sehr kritische Situationen" herauf - die "Akzeptanzgrenzen" seien erreicht. Zu Wahlkampfzeiten wird aus dieser Ecke noch etliches zu erwarten sein. Welche ParteivertreterInnen - außer deren der CSU - waren sonst noch anwesend und blieben stumm?

A.: Fast alle Erlanger Stadtratsfraktionen waren vertreten. Jemand aus der FDP und ein Stadtrat der Grünen Liste waren dort, die Fraktionsvorsitzende und ein Stadtrat der SPD - sie haben überhaupt nicht reagiert. Ebenso die VertreterInnen der soziokulturellen Einrichtungen am Anger: Bürgertreff Die Villa, Angertreff, Angerinitiative, Isarstraße, Jugendtreff Heilig Kreuz, Erlöserkirche, Schulen und Kindergärten ... - alle waren anwesend. Als ich mich danach mit vielen einzeln unterhalten habe, habe ich verstanden, daß diese Leute nicht flexibel auf solche Probleme reagieren können. Sie brauchen eine lange Zeit, bis sie richtig verstehen, wo das Problem liegt und warum ich so reagiert habe. Auch deshalb müßten die AusländerInnen in besonders sie betreffenden Bereichen selber die entscheidende Rolle spielen und nicht auf StellvertreterInnenpolitik angewiesen sein. Das müßte alles ganz neu strukturiert werden.

WAS LEFFT: Wie verhielten sich die Fraktionen, als sie im nachhinein von euch nochmal auf diesen Vorfall angesprochen wurden?

A.: Als erstes besuchten wir die Fraktionssitzungen der SPD und der Grünen Liste (GL). Sinnlos erschien es uns, an die CSU heranzutreten, denn sie vertritt unserer Meinung nach sehr wohl solche Positionen. Mich hat es nur verwundert, daß Balleis als Oberbürgermeister in einem Stadtteil wie dem Anger, in dem es so viel Armut gibt, so viele Leute dort nicht zu den Priviligierten dieser Gesellschaft gehören, den "Mut" aufbringt, sich nach Parteilinie zu verhalten. Aber von den anderen Fraktionen habe ichUnterstützung erwartet. Die SPD-VertreterInnen fanden dann den Verlauf der BürgerInnenversammlung auch furchtbar, bezogen aber ihre Kritik nur auf das Verhalten von Balleis - von Selbstkritik war nichts zu spüren. Sie versprachen mir Unterstützung durch einen Antrag bzw. eine Anfrage für die nächste Stadtratssitzung. Anschließend war ich bei der Grünen Liste. Dort herrschte eine andere Atmosphäre und ich hatte im Laufe des Gesprächs das Gefühl, daß das Problem erkannt wird und der auf der Versammlung anwesende Vertreter einfach zu unvorbereitet für solche Situationen war. Es war dann die einzige Fraktion, die zu diesem Thema einen Antrag gestellt hat. Natürlich sind die Erfolgsaussichten gering, aber sie waren die ersten Leute, die sich solidarisch verhalten haben.

WAS LEFFT: Die SPD stellte letztendlich keinen Antrag, sind euch die Gründe bekannt?

A.: Nein, ich habe bisher keine offizielle Antwort von der SPD bekommen. Gehört habe ich, daß es innerhalb der Fraktion strittig war, ob etwas unternommen werden sollte. Als Gegenargumente wurden angeführt, daß es der falsche Zeitpunkt wäre, sich mit dem Oberbürgermeister anzulegen und kurz vor den Wahlen soll man vermeiden, das Thema AusländerInnen allgemein hochzukochen. Und was sie nicht gesagt haben, aber meiner Meinung nach eine Rolle spielt: ein Teil der Beifall bekundenden Leute auf der Versammlung sindauch WählerInnen-Kundschaft der SPD. Viele am Anger wählen die SPD. Man sieht, daß AusländerInnenfeindlichkeit und AusländerInnen als Sündenbock darzustellen, schleichender Rassismus usw. nicht nur die rechten bzw. die Unionsparteien durchdringt, sondern auch vor den anderen Parteien nicht Halt macht.

WAS LEFFT: Wie war die Reaktion des Erlanger AusländerInnenbeirates. Wurde er von euch zu diesem Thema angesprochen?

A.: Vom Vorsitzenden des AusländerInnenbeirats wurde mir mitgeteilt, daß das ganze Thema zu riskant für die Interessen der AusländerInnen wäre. Ich solle das Thema nicht zu hoch kochen und aufpassen, daß ich von den Parteien nicht zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert werde. Man solle den Oberbürgermeister und die Rednerin nicht als rassistisch hinstellen und er würde mir gerne ein klärendes persönliches Gespräch mit den OB vermitteln. Reagiert hat inzwischen der Arbeitskreis Anger - ein Zusammenschluß von sozialpädagogischen und kirchlichen Einrichtungen im Angerviertel -, indem er einen offenen Brief verfaßte (siehe Kasten), das war einigermaßen positiv. Der AK zeigt auch Bereitschaft, antirassistische Veranstaltungen am Anger mit zu organisieren.

WAS LEFFT: Mit dem Verhalten des AK Anger seid ihr zufrieden?

M.: Der AK Anger hat zwar diese Erklärung abgegeben, aber im auf die Versammlung folgenden ersten Gespräch mußte ich feststellen, daß den meisten dort dieses Thema extrem unangenehm war. Sie mußten regelrecht gedrängt werden, daß sich etwas bewegt - es war Widerstand dagegen zu spüren. Es mußte eingefordert werden, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist: Fehler begangen,Fehler erkannt, Fehler behoben. Das zweite Treffen war von dem Auftreten und der Herangehensweise des Ausländerbeirats-Vorsitzenden (Cheliotis) geprägt: Thema herunterspielen, keinen Staub aufwirbeln, alles beim altem belassen, vom Thema ablenken, die vermeintlichen Erfolge des Ausländerbeirats hervorheben, unangenehmen Themen aus dem Weg gehen, mögliche Aktivitäten, Kraftbündelung oder gar Lösungsansätze ganz oder teilweise im Keim zu ersticken. Wir hoffen auf das nächste Treffen, daß es zu kontruktiveren Lösungsansätzen führt und ohne Bevormundung durch den Ausländerbeirat und feindliche Stimmung verläuft. Wir bemühen uns, eine gemeinsame Initiative auf den Weg zu bringen. Wir wollen nicht, daß das Thema heruntergespielt, entpolitisiert wird und in der Versenkung des Vergessens verschwindet.

A.: Aber angesichts der Gleichgültigkeit, mit der man überall konfrontiert wird, hat dieser Arbeitskreis immerhin eingesehen, daß es Probleme im Viertel mit Rassismus gibt, Distanz zwischen den deutschen und nichtdeutschen Bevölkerungsteilen besteht und Kommunikation nur auf Festen stattfindet - von wegen multikulturelle Gesellschaft.

M.: Die Feste haben im Augenblick den Charakter einer offenen Gaststätte. Da haben wir uns dann bei griechischen und türkischen Spezialitäten richtig gut verständigt über ,AusländerInnenfragen", jetzt können wir wieder nach Hause gehen.

WAS LEFFT: In der Tagespresse wurde berichtet...

M.: Was mich persönlich etwas ärgert ist, daß in der Berichterstattung der "Erlanger Nachrichten" über die Reaktion des Oberbürgermeisters auf der Anger-Versammlung das "Problem" auf uns reduziert wurde, nur wir zwei als AusländerInnen dargestellt wurden, die damit ein Problem hatten, daß wir zwei nicht weiter darüber reden wollten. In diesem Sinne hatte es die ganze Allgemeinheit ja gar nicht betroffen.

WAS LEFFT: Wie ist allgemein die Stimmung im Angerviertel? Gerne wird auf allen möglichen Veranstaltungen der offene und tolerante Charakter der Stadt Erlangen betont.

M.: Nach außen hin wird es gerne als gemeinsames Miteinander dargestellt. Doch rassistische Muster sind vorhanden, natürlich auch in anderen Stadtteilen, und werden regelrecht verdrängt - bewußt oder unbewußt.

A.: Für mich ist Rassismus hier allgegenwärtig. Ein Beispiel von institutionellem Rassismus: Eine Bekannte von mir wollte einen Kurden heiraten und wurde vom Standesamt Erlangen zu einem "Aufklärungsgespräch" geladen. Dabei wurde versucht sie massiv einzuschüchtern. Ihr wurde indirekt das Vorhaben einer Scheinehe unterstellt und angedroht, daß die Polizei sie 2 Jahre lang verfolgen werde usw. - sie solle sich das nochmal überlegen. Ich merke das überall im Alltag hier, erkundige ich mich z.B. mit meinem ,ausländisch" klingenden Namen nach einer Arbeitsstelle, wird mir sofort mitgeteilt, daß diese bereits vergeben sei. Dann erkundigt sich meine (deutsche) Frau Minuten später um die gleiche Stelle. Antwort: "Ja, ihr Mann kann vorbeikommen". Der alltägliche subtile Rassismus ist sehr gefährlich und durchdringt alleBereiche der Gesellschaft. Selbst ein Mensch, der sich gegen rassistische Muster gefeit sieht, bewegt sich oft in deren Schatten. Die 'AusländerInnen' würden ihren Müll nicht trennen, monierte die Frau auf der Bürgerversammlung. Solche Deutsche trennen ihren Abfall, aber den Abfall in ihren Gehirnen können sie leider nicht trennen. Am Anger leben über 30% AusländerInnen, von ihnen sind 90% ArbeiterInnen bzw. Arbeitslose mit z. T. großen finanziellen Problemen. Leider ist von Solidarität zwischen ArbeiterInnen über die Nationalitäten hinweg nicht viel zu spüren, anstatt sich gemeinsam "nach oben" zu wehren, stellen sich viele deutsche ArbeiterInnen dann doch lieber eine Hierarchiestufe höher und blicken nach unten. Was für mich komisch ist, daß in den vielen soziokulturellen Einrichtungen einschließlich Kindergärten am Anger kaum ausländische MitarbeiterInnen beschäftigt sind. Es wäre zum Beispiel vorstellbar, daß die Kindergartengruppen von deutschen und nichtdeutschen ErzieherInnen geleitet, dadurch für die Kinder auch muttersprachliche Angebote geschaffen werden. Die deutschen Kinder könnten spielerisch zwei Sprachen lernen und übernommene Vorurteile abbauen.


Offener Brief des Arbeitskreises Anger

Als "Arbeitskreis Anger" - ein Zusammenschluß von sozialen und kirchlichen Einrichtungen im Anger - liegt uns die Situation in unserem Stadtteil am Herzen. Ein besonderes Anliegen ist für uns, zu einen gelingenden Miteinander von deutschen und ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern beizutragen. Daß hier noch vieles im Argen liegt, wurde uns bei der Bürgerinnen- und Bürgerversammlung am 23.4.1998 deutlich.

Erschreckt haben uns Pauschalurteile, die gegen Ausländerinnen und Ausländern Stimmung machten und prompt mit Beifall bedacht wurden. Sehr betroffen sind wir, daß - bis auf zwei Mitbürger - keiner der Anwesenden - auch wir selbst nicht - kritisch darauf reagiert haben: kein Widerspruch, keine Relativierung, kein differenziertes Eingehen auf die Situation. Wir wünschen uns, daß die politisch Verantwortlichen sensibler auf solche Situationen reagieren und damit das Erlanger Motto "Offen aus Tradition" mit Leben füllen; auch wir möchten in Zukunft verstärkter unseren Beitrag dazu leisten, daß das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern besser gelingt.


Anmerkung der Redaktion:

Die Fraktionsvorsitzende der SPD, Gisela Niclas und der SPD- Stadtrat Teksifer wurden von uns brieflich um eine Stellungnahme gebeten. Wir erhielten leider keine Antwort.