Auch in diesem Jahr beteiligten sich wieder viele Tausend Menschen an Demos, Kundgebungen und Aktionen gegen das kapitalistische Verwertungssystem. Da die Nazis seit einigen Jahren versuchen, den 1. Mai mit ihren menschenverachtenden Inhalten zu besetzen und in diesem Jahr zu einem Aufmarsch nach Leipzig mobilisierten, riefen Gewerkschaften, Parteien und autonome Gruppen zum Widerstand auf. Über 5.000 Menschen stellten sich den Nazis entgegen. Dabei wurden die Faschisten mit Steinen beworfen und zahlreiche Busse angegriffen.
Daß die NPD/JN-Kundgebung nur be- aber nicht verhindert werden konnte, lag an dem großen Polizeiaufgebot, das wieder einmal die Nazis beschützte. Allerdings wirkte sich an diesem Tag positiv aus, daß durch das dezentrale Konzept der AntifaschistInnen den Einsatzkräften der Überblick erschwert wurde. Am frühen Abend begann die revolutionäre 1. Mai-Demo im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Nach einem von dem Obdachlosenmagazin "Straßenfeger" organisierten Fest vor der Volksbühne zogen ca. 7.000 DemonstrantInnen unter dem Motto "Enough is enough" nach Prenzlauer Berg, wo gegen 19.30 Uhr die Demo begann.
Das Klima war von Anfang an aufgeheizt, da schnell öffentlich wurde, daß die meisten Busse aus Leipzig von der Berliner Polizei festgehalten wurden. Bereits nach wenigen Metern wurde deutlich, welches Konzept Schönbohms Schlägereinheiten, die an diesem Tag 6.000 Beamte umfaßten, verfolgten. Wiederholt gingen Greiftrupps der Polizei mit Schlagstöcken gegen die Demospitze vor. Als später die Demonstration gestoppt und auch noch eingekesselt wurde, drohte die Demoleitung den Umzug gegen 21 Uhr abzubrechen. Viele AugenzeugInnen konnten beobachten, daß die Einsatzkräfte auch gegen unbeteiligte PassantInnen mit äußerster Brutalität vorgingen. "Die Polizei prügelte wahllos durch die Straßen. Nach etwa 10 Minuten blieben mehrere Schwerverletzte auf dem Boden liegen" (taz, 4.Mai 1998). Viele DemonstrantInnen beantworteten die Polizeiangriffe mit Steinwürfen; Barrikaden wurden angezündet und einzelne Geschäfte geplündert.
Berlins Meister Propper Schönbohm erklärte, "ich prüfe, wie weit das Grundrecht auf Meinungsfreiheit geht". In Zukunft will der Innensenator die 1.Mai-Demos verbieten, oder sie an von der Polizei festgelegten Orten außerhalb der Innenstadt stattfinden lassen (am besten wohl gleich auf dem Hof der Polizeikaserne, Anm. d. Red.).
Wie in Berlin, nahmen diesmal auch in Nürnberg mehr Menschen - trotz der "Konkurrenzveranstaltung" in Leipzig - an der revolutionären 1.Mai-Demo teil als im vergangenen Jahr. Über 700 Menschen gingen Kapitalismus und Faschismus auf die Straße. Der von der "Organisierten Autonomie" initiierte Demonstrationszug führte durch den Nürnberger Stadtteil Gostenhof und endete am traditionellen Straßenfest autonomer Gruppen, wo neben Bandauftritten und Infoständen ein Agitproptheater der Antifa Kritik und Kampf geboten wurde. Aus Sicht der radikalen Linken kann dieser Tag als Erfolg gewertet werden, da sich nicht nur mehr, sondern auch zahlreiche unorganisierte Menschen an den vielfältigen Aktionen beteiligten.