Weissglut "Die 'Neue' Rechte macht auf Kultur. Doch längst geht es dabei nicht mehr nur um strategische Planung und bloße Luftschlösser der 'Metapolitik'. Die rechten Kulturstrategen können tatsächlich auf Anknüpfungspunkte in Subkulturen zurückgreifen, so insbesondere in der Dark-Wave- und Gothic-Szene: Im November stehen Tourneen einschlägiger rechtsextremer Bands an, und der Antisemit und Ufo-gläubige Verschwörungstheoretiker Josef Klumb konnte mit seiner Band 'Weissglut' bei einem Label der Sony unterkommen" (aus der antifaschistischen Zeitschrift Der Rechte Rand, Nov./Dez. 98). 'Weissglut' sollte am 15. Dezember im Nürnberger 'Hirsch' auftreten, wurde aber kurzfristig wieder ausgeladen. Letztendlich habe er "keine Lust" auf diese "Grunzcombo" gehabt, da sein Kopf voll mit wichtigeren Dingen war, z.B. dem Auftritt der 'Toten Hosen', erklärt Peter Harasim vom Concertbüro Franken gegenüber der Was Lefft. Hat da jemand etwas nachgeholfen? Als Radio Z vom geplanten 'Weissglut' Konzert im 'Hirsch' erfuhr, forderte der Sender in einem offenen Brief an den Hirsch und das Concertbüro Franken nachdrücklich dessen Absage: "Es sollte Euch bekannt sein, daß der Sänger von Weissglut in die rechtsradikale Szene involviert ist. Er ist bzw. war Mitarbeiter eines rechtsradikalen Verlages (VAWS), hat beim Riefenstahlsampler mitgearbeitet, vertritt einen esoterischen Antisemitismus und ist gewalttätig aufgefallen.(...)Wir fordern Euch auf, dieses Konzert abzusagen! (...) Als linker, kritischer und freier Radiosender ist es für uns unmöglich mit Veranstaltern oder Veranstaltungsorten zusammenzuarbeiten, die rechte Bands präsentieren oder auftreten lassen. Durch unser Selbstverständnis wären wir gezwungen, die Zusammenarbeit mit dem Hirsch zu kündigen, sollte das Konzert trotz der vorliegenden Fakten stattfinden" Diesen Brief und die "gegenwärtige Kampagne gegen den Hirsch" versteht das Concertbüro Franken schlichtweg als "üble Erpressung" und kündigte ihrerseits die Zusammenarbeit mit Radio Z: Vereinsaustritte folgten, bezahlte Promojingles und Gästelistenplätze für Radio Z wurden abgesagt. "Über die Art und Weise" wie "auf langjährige Partner, Unterstützer und Mitarbeiter Druck ausgeübt wird", will sich Peter Harasim bei der übergeordneten Kontrollinstanz Medienrat beschweren - hat er aber noch nicht. Sich in der langen Reihe derer anzustellen, die durch Druck von oben dem Sender das Überleben schwer machen wollen, will er vielleicht nachholen, "wenn mal Zeit ist". Weder der "Druck" des freien Radios noch die Vorwürfe, eine rechte Band zu unterstützen, habe die Abfuhr an 'Weissglut' bewirkt. Zum Druck ausüben sei der Sender zu "unerheblich", für ihn nun "tabu, nicht mehr existent", so Harasim weiter. "Schlimmer als jeder verfickte Privatsender" würde der Sender arbeiten und sich mit solchen Vorstößen nur "auf Kosten anderer Leute profilieren" wollen, anstatt richtig zu recherchieren. Hat da jemand gefurzt? Harasim persönlich "nervt die neue deutsche Grunzmusik" - auch "Neue Deutsche Härte" genannt - das "kräftige stählerne Deutsche. Es verblüfft mich, wieviele Leute auch mit linker Einstellung auf Bands wie Ramstein abfahren" - wie wahr. Aber andere, so Harasim weiter, "finden das ästhetisch" und er sei nicht die "Inquisitionsstelle". Als solche würde sich Radio Z aufspielen und mit zweierlei Maß messen: Eine Band sei herausgesucht und zum Feindbild aufgebaut worden, mit anderen ähnlichen Bands, beispielsweise 'Rammstein', werde anders umgegangen. "Nicht erinnern, das 'Rammstein' jemals bei Z gelaufen ist" kann sich ein Mitarbeiter der Musikredaktion. Jedenfalls ist es Beschlußlage bei Radio Z, daß Bands mit rechtsextremer Ästhetik nicht gespielt und keine Veranstaltungshinweise gesendet werden. Alfred Schobert vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) vertritt zudem die Ansicht, daß nicht alles die gleiche braune Soße ist: "Zwischen 'Rammstein' auf der einen, 'Weissglut' auf der anderen Seite sollte unterschieden werden: Der Anführer von Weissglut ist seit Jahren und bis diesen Herbst in den organisierten Rechtsextremismus verstrickt, das macht einen qualitativen Unterschied aus, Rammstein kalkulieren mit den Riefenstahl-Nackedeis geschmacklos und mit fatalen politischen Effekten auf Skandal, Klumb von Weissglut ist politischer Überzeugungstäter" (taz ruhr, 12.11.98, S. 6). Für den Vertreter des Concertbüros ist 'Weissglut' "sicher nicht rechtsradikal", zwischen Sänger und rechter Szene bestünden "keine klaren Verbindungen". Klumb sei kein Mitarbeiter im rechten Verlag sondern nur als Packer angestellt, und an der Herausgabe des Riefenstahlsamplers hätte er nur unterstützend mitgewirkt. Klumb und seine Band selbst weisen den Vorwurf des Rechtsextremismus weit von sich, sprechen von "Hexenjagd" - wie von den Böhsen Onkelz bereits erfolgreich vorexerziert: 'Weissglut' ist nun auch bei einem Major-Label (Sony-Label Dragnet/ Epic) untergekommen. Mit welchen ungeheuerlichen Verdrehungen solche Opferrollen inszeniert werden und dabei das allgemeine Gezeter gegen 'Political Correctnes' nützlich ist, zeigt folgendes Beispiel: Das Berliner Fanzine 'Dark Sign' veröffentlichte einen offenen Brief zugunsten von Klumb. Die Redakteure des 'Fanzines für die dunkle Seite der Kultur' beklagen sich darin bitter über "die politisch korrekten Leute (...) die eine Hetzjagd auf Zeitungen und Bands machen". Auch wird Klumb zum 'verfolgten Aufrechten' stilisiert und der Text gipfelt in der Frage, ob "demnächst jeder vergast" werde, "der ein falsches Wort sagt, welches von jenen Antifa-Saubermännern als rechtsradikal ausgelegt wird". "Auf der eher sanften Schiene und im Gewande des Esoterikers kommt Josef Klumb, Sänger bei 'Forthcoming Fire' und 'Weissglut' daher. Was nicht ausschließt, daß er und sein Bruder Bernhard Klumb, Keyboarder bei den beiden Band, sich auch mal als Schläger betätigen wie im Juli 1997 bei einer Antifa-Veranstaltung in Mainz." (...)Auf der Polit-Schiene gelang der Band 'Forthcoming Fire', was ihr unter musikalischen Gesichtspunkten nie gelungen wäre: Sie erregte Aufmerksamkeit - durch stramm rechte Interviews ihres Sängers Josef Klumb, zunächst in Musikzeitschriften wie 'Gothic' und 'Gothic Grimoire', schließlich in der 'Jungen Freiheit', die 'Forthcoming Fire' als eine Art Hausband auserkoren hatte" (Der rechte Rand, Nov./Dez. 98, S.21). Weniger sanft, sondern mit Bissen und Schlägen setzte sich Klumb zur Wehr, als er und sein Anhang bei einer Veranstaltung mit Alfred Schobert vom DISS vor die Tür gesetzt wurde, da ansonsten Störungen zu erwarten waren. Klumbs Weltanschauung erläutert Schobert der taz anhand eines Briefes, in dem Klumb fragt: "Wer weiß schon wie tief der angebliche Nazi-Jäger Simon Wiesenthal in früher Zeit mit der Gestapo kollaborierte". Und: "Zionismus ist Faschismus in Perfektion". Schobert über Klumb "Klumb wettert, wie der traditionelle harte Antisemitismus gegen 'Hochfinanz', seine Verschwörungstheorie ist lediglich durch massive Anleihen bei seinem Freund Jan Udo Holey alias Jan van Helsing 'modernisiert', eben auf Esoterik getrimmt". In einem Interview mit der 'Jungen Freiheit' verkündete Klumb im August 1996: "Ich glaube an die Lichtgestalt dieser geschändeten Nation. Ihre Geisteskultur, die eine liebende ist, kann und darf nicht länger unterdrückt werden." Klumbs Geisteskultur erschließt sich auch aus einem Brief von 1997 über Alfred Schobert, der zur Zeit eine Publikation zum Thema Dark Wave und 'Neue Rechte' vorbereitet: "Ich sehe in Schobert einen geisteskranken vom Staat bezahlten alten Kommunistenarsch, der hier einen heiligen Krieg vom Zaun brechen möchte". An so etwas ist Schobert gewöhnt. Flau im Magen wurde es ihm, "als Klumbs Freund Symanek von VAWS in Mühlheim/Ruhr ein Fotokopfgeld auf mich aussetzte". Am 9. November 1998 erfuhr der DISS-Mitarbeiter, daß Weissgluts "Lautsprecher des esoterischen Antisemitismus" ihn wegen Verleumdung anzeigen will und Sony zu Weissglut halte. Barthel Sagt zum Abschied lautstark "Scheiße"! Kunstverein plattgemacht, LGB auf Eis gelegt - das größte öffentlich diskutierte kulturpolitische Problem Nürnbergs ist ja momentan ein anderes. Es heißt Touristeninformation. Und bei irgendwelcher nennenswerter inhaltlicher Diskussion geht's darum, ob das sogenannte KünstlerInnen-Haus einen futuristischen (Nürnberg fit fürs nächste Jahrtausend-) Glasvorbau oder eine traditionelle Ergänzung aus Lebkoung und Broudwerscht, also mit Türmchen, bekommt. Wäre da nicht ... wäre da nicht der Hirsch, Nürnbergs, soweit es die Lokalpresse in der Hand hat, popkulturelles Aushängeschild. Also das Fürzchen Frankfurtniveau, das diese Stadt der bemüht klugen Köpfe vorzuweisen hat, damit das Personal der Dienstleiste und sonstigen Zukunftsindustrien sich amüsieren kann. Weicher Standortfaktor, aber einer mit anspruchsvollen Toiletten. Dort gibt's demnächst die beiden aufregendsten Newcomerbands der berliner Republicke, eine davon heißt Weissglut. Da kann einem/einer schon warm ums Herz werden, wenn nix anderes, denn ganz neue grüne Jungs sind da nicht durchwegs zugange. Einer zumindest ist dabei, dessen Vergangenheit kein schwarzes Loch ist, sondern der sehr konkret als Musikfascho aufgefallen ist: Josef Klumb, Ex-Forthcoming Fire. Details waren mittlerweile selbst im "Spiegel" nachzulesen. Tja, die Claims werden neu vergeben, die Musikindustrie, in diesem Fall richtiges Big Business, nämlich Sony, hat nach rechtsaußen neue Felder aufgetan und es belebt die Verkaufsziffern. Die WEISSGLUT - Tournee ist gebucht und der Hirsch, offen nach allen Seiten, hat zugegriffen. Ja, Herr Walser, sofort - ich lege die Faschismuskeule gleich wieder hin. Ein bißchen schwarzweißrot und mythische Verbrämung wird man nicht nur unseren Skinheadbuben und -mädeln nicht verweigern dürfen, sondern auch allen irgendwie anders Frisierten, die den Thrill und ein wenig neue deutsche Härte suchen. Ist ja im Grunde alle unpolitisch, gefühlsecht und Wellenreiterei. Gasschwaden, Bayreuthgeraune oder sonst eine stahlgetränkte Waberlohe: bloß schwiermelige Kultigkeit und womöglich weniger sexistisch als die abgefeierten Soundtracks zum Schulmädchenreport? Es paßt in eine Zeit, in der unverbildete KonsumentInnen mit dem Wort Auschwitz nix nennenswertes mehr verbinden und den Rechten so irgendwann die Auschwitzlüge ersparen. Bleibt: das Finanzielle. Allerletzte Überlebende des deutschen Terrors haben nun, da Deutschland ohne Friedensvertrag und Reparationsabkommen vereinigt worden ist, aus Industrie- und Bankenfonds ein Scherflein zu gewärtigen. Einerseits. Ist ja auch irgendwie schlecht fürs Geschäft als Global Player, so lang man noch nicht so groß ist, daß man auf jede Rücksichtnahme verzichten kann. Andererseits: warum soll die Industrie dort, wo sich eine Lücke der Ahnungslosigkeit, des Desengagements, egal wie, auftut, nicht abkassieren? Da stört kein braunes Gedankengut, solange es einigermaßen verbrämt ist und von Musik übertönt. Das geht seinen kapitalistischen Gang, solange nicht die Folterwerkzeuge gezeigt werden: breite Gegenöffentlichkeit, Zurückhaltung bei Käufern, Händlern, Veranstaltern. Wenn sich's nicht auszahlt. Aber warum überhaupt? Eigentlich tummeln sich da auf der Bühne nur Sozialarbeiter, mit ihren Instrumenten angetreten, Schlimmeres zu verhüten und den Buben und Mädeln zu beweisen, wie sie immer nur dazugelernt haben. Oder man läßt sich halt nicht erwischen. Warum also kein Auftritt in Norishausen, einer Stadt zwar mit Vergangenheit, aber auch viel gutem Willen. Weissglut im Hirsch. Feuer unter der Asche. Glatzen hat mensch auch im KOMM und Kunstverein antreffen müssen. Eine geile Band (findet auch unhinterfragt der Plärrer). Ein ganz normales Publikum. Viel Spaß. Alte Drohungen. Schnelles Vergessen. Hans Plesch (gesendet vor der Konzertabsage)