Nach 60 Jahren wieder

Interview mit der neuen israelitischen Kultusgemeinde Erlangen

Was Lefft: Wie ist die neue jüdische Gemeinde entstanden ?

IKG: Nachdem Leute aus den GUS Staaten gekommen sind, im Rahmen dieser Auswanderungswelle, hat sich das ganz von allein ergeben.

Informationen zu jüdischer
Kultur und Religion:

www.payer.de

Was Lefft: Wie sieht das Gemeindeleben aus ?

IKG: Das hat angefangen mit der Channukkafeier. Das ist so wie Weihnachten, das dauert 8 Tage, da entzünden wir Lichter, das war schon 1997. Da haben wir den Bürgertreff in der Isarstrasse gemietet und auf den Putz gehauen, Tanzen, Musik und so weiter. Wir machen alle Feierlichkeiten, die nicht religiös sind; Jedoch dieses Jahr haben wir auch Rosh Haschana gefeiert. Wir differenzieren sehr genau zwischen Feiern, die einen Heiligkeitsstatus haben, und solchen, die einen Erinnerungswert haben. Dazu gehören dann Chanukka oder Purim. Letztes Jahr organisierten wir einen Simchat Thora - Ball. Dieses Jahr haben wir Sukkot (Laubhüttenfest) gefeiert, das ist wieder ein offizieller Termin. Simchat Thora ist ein Fest der Freude über die Thora, und beendet das 8-tägige Laubhüttenfest. Danach wird ausserhalb des Rituals der Simchat Thora Ball gefeiert, das hat sich so eingebürgert. Wir machen seit mehr als 2 Jahren alle Feierlichkeiten, die wir mit unseren jetzigen Möglichkeiten machen können: Wir haben keinen Gebetssaal, so daß wir das Ritual für die anderen Feiertage nicht einhalten können.

WasLefft: Geht es in der Gemeinde auch um gegenseitige Hilfe in Alltagsfragen ?

IKG: Ja, das ist ganz wichtig. Eigentlich müßten wir einen Sozialarbeiter haben. Wir haben Glück, daß eine Frau uns hilft, aus Idealismus, aus Liebe zum Judentum. Sie ist zweisprachig und übersetzt für uns Russisch. Zum Beispiel, wenn unsere Leute zum Arzt müssen, für eine Operation, da bräuchte es einen teuren Spezialdolmetscher, da darf es keine Übersetzungsfehler beim Aufklärungsgespräch geben. Das macht diese Frau umsonst; normalerweise würde das die Stadt viel Geld kosten. Wir möchten das gerne auf der Basis der Gemeinde regeln, aber ich weiß noch nicht, ob wir das hinkriegen.

Was Lefft: Eigentlich ist es doch ein freudiges Ereignis, wenn es über 50 Jahre nach der Pogromnacht der Nazis wieder eine jüdische Gemeinde gibt. War die Freude doch etwas gedämpft ?

IKG: Wenn wir die Gemeinde offiziell eröffnen, wird die Freude sich sicher ausdrücken. Wir haben jetzt zum ersten Mal einen Gruß vom Bürgermeister Lohwasser bekommen, aber dem ist eine Kampagne vorausgegangen, wo wir einfach aus der Haut gefahren sind. Wir haben über 150 Briefe an Prominente verschickt, die wir um Unterstützung gebeten haben, und viele haben uns zurückgeschrieben. Glücklicherweise hat sich für uns ein Kreis von Unterstützern gefunden.

Was Lefft: Die Mitglieder der Gemeinde, die aus den GUS Staaten kommen, gelten als "Kontingentflüchtlinge". Was bedeutet das ?

IKG: Das Kontingent war eine Absprache von Kanzler Kohl mit den GUS-Staaten. Die sozialen Ansprüche der Leute sind geregelt, dazu gehören Wohnungsanspruch, und ein unbefristeter Aufenthalt. Sie werden nicht automatisch eingebürgert, wie die "Deutschstämmigen". Das ist also kein Wählerpotential für irgendeine Partei; so weit ich weiß, können sie nach frühestens 7 Jahren die Einbürgerung beantragen .

Was Lefft: Dürfen die Leute arbeiten ?

IKG: Ja, im Gegenteil, sie müssen jede Arbeit annehmen, solange sie beim Sozialamt gemeldet sind, müssen sie pro Monat 10 Bewerbungen vorweisen, inzwischen sind es sogar 15. Sie müssen nachweisen, daß sie sich um jeden depperten Arbeitsplatz beworben haben.

Was Lefft: Wo schon 50 andere warten ?

IKG: Ja, oder mehr. Wir haben versucht, das mit dem Leiter des Sozialamtes wieder auf 10 herunterzudrücken, denn die Leute sind die ganze Zeit damit beschäftigt, Bewerbungen zu schreiben. Nürnberg macht das Anders, da wird nicht dieser Druck ausgeübt, Viele gehen nach Nürnberg.

Was Lefft: Die Erlanger Sozialbehörden machen es den Leuten besonders schwer ?

IKG: Ja, ich hab auch schon gehört, daß binationale Paare vor dem Erlanger Ausländeramt gewarnt werden.

Was Lefft: Wie ist das Lebensgefühl hier in Erlangen ? Haben ihre Leute ein wenig Heimweh ?

IKG: Sie sind froh hier zu sein, denn die Verhältnisse hier, hätten sie sich in Rußland nicht schaffen können. Das heisst, mit der Versorgung sind sie sehr zufrieden, z.B. gibt es hier alle Arten Möbel günstig gebraucht zu kaufen. Es gibt z.B. eine alte Dame, sie war Deutschlehrerin in Rußland. Ihre Familie ist seit mehreren Generationenen in St. Petersburg ansässig, und dort fühlt sie sich zuhause. Man sagt doch, "einen alten Baum kann man nicht verpflanzen". Mit dem Herz hängt diese Dame an St. Petersburg, sie ist in in die Konzerte gegangen, die großen Meister zu hören. Aber letztlich sind die Leute aus freiem Willen ausgewandert, niemand hat sie gezwungen, es war kein Pogrom in Rußland, vor dem sie geflohen sind.

Was Lefft: Gab es in der SU oder in Rußland so etwas wie ein jüdisches Leben ?

IKG: In den letzten Jahren ist von den USA schon einiges angeschoben worden. Sie haben Lehrer und Rabbiner hingeschickt, um dort ein jüdisches Leben wieder aufzubauen. Wir haben ein Mädchen, sie hat in St. Petersburg schon wieder etwas von der Religion gelernt. Das begann mit Gorbatschow.

Was Lefft: Aber vorher gab es nichts ?

IKG: Die Religionsausübung war zwei bis drei Generationen verboten

Was Lefft: Mußten die Juden aufpassen, drohte Ihnen Verfolgung ?

IKG: In der DUMA werden Stimmen laut, die sagen, alle Juden raus.

Was Lefft: Haben die Juden in Rußland jetzt mehr Angst vor Antisemitismus, und sind deshalb gegangen ?

IKG: Das war nicht der einzige Grund. Diese Einladung auszuwandern, ist eine Welle, die durch alle Familien gegangen ist, die Frage war, geht man oder geht man nicht? Es ist ja ein Kontingent zugesagt worden, daß 100.000 Juden und 2 Millionen "Deutschstämmige" aus Rußland nach Deutschland gehen dürfen. Und niemand weiß, wie lange diese Möglichkeit bestehen wird.

Was Lefft: Können Sie uns etwas über die Leute erzählen, was die in Rußland gemacht haben ?

IKG: Die Leute haben viele Berufe ausgeübt, z.B. Textildesignerin, Ingenieurin, Lehrer, Optiker, Schlosser, Verwaltungsangestelle, Physiker, ein Fußballtrainer, er war Nationaltrainer von Moldawien ..

Was Lefft: Hat der Club den schon eingekauft ?

IKG: Nein, aber sein Sohn spielt wieder in einer Fußballmanschaft. Wir haben bei uns einen Manager im Ruhestand, er spricht auch deutsch. Mit ihm haben wir angefangen, die Gemeinde aufzubauen. Ohne ihn könnten wir das gar nicht machen. Wir haben auch mehrere Ärztinnen oder Ärzte.

Was Lefft: Da könnten Sie ja ein eigenes Krankenhaus aufmachen.

IKG: (Lacht) Lassen Sie uns erst mal unser Gemeindehaus haben ..

Was Lefft: Es gab doch auch Auswanderung nach Israel ? Was war der Grund, sich für Deutschland zu entscheiden ?

IKG: Es gab Auswanderung nach Israel, Deutschland oder USA. Israel ist ein schweres Land, das hat man in 50 Jahren aus dem Boden gestampft. Die mußten sich sehr durchsetzen, die sind sehr hart. Wenn man hier einem auf den Fuß tritt, sagt man "Entschuldigung", dort sagt man "Geh weg, du Depp". Ich weiß von einem älterne Ehepaar, sie sind nach Israel gegangen, aber sie konnte dort nicht leben, sind krank geworden und sind zurück nach Rußland. Jetzt wollen sie nach Deutschland, und sie bekommen keine Erlaubnis.

Was Lefft: Spielt da auch eine Rolle, daß das Jiddische eine Verwandschaft zum Deutschen hat ?

IKG:  Nur die Leute über 70 Jahre haben noch jiddisch gelernt. Das hat nicht den Ausschlag für Deutschland gegeben, sondern persönliche Überlegungen.

Was Lefft: Wir danken Ihnen für das Gespräch.