Hans Bierbrauer arbeitete von 1965 bis 1990 bei Siemens Med. in der Henkestraße in Erlangen. Zu seinen Aufgaben gehörte der Zusammenbau und die Reparatur von Röntgenanlagen, später von Computertomographiegeräten. Bierbrauer ist an unheilbarer Leukämie erkrankt, dazu kommen Tumore von Niere, Schilddrüse, Darm und eine Schädigung von Herz und Aorta. Seine Lebenserwartung ist um Jahrzehnte verkürzt. Herr Bierbrauer führt diese Krankheiten auf eine Verstrahlung bei Siemens Med zurück.
Auch der Arbeitsmediziner Professor Dr. Lehnert (Uni Erlangen) äußerte 1992 in einem Arztbrief den "dringenden Verdacht" auf einen "ursächlichen Zusammenhang" zwischen der Strahlenbelastung bei Siemens Med. und Bierbrauers Krankheit. Lehnert stufte Bierbrauers Krankheit deshalb als Berufskrankheit ein.
Herr Bierbrauer berichtete uns von einmen schweren Unfall im Jahre 1974, bei dem seine Hand von einem stark strahlenden Kobalt-60 Stab verbrannt wurde.
Bierbrauer führte regelmäßig auch Arbeiten im Prüffeld aus, wo mehrere Röntgenanlagen im Betrieb getestet wurden. Dort sei er bei seinen Arbeiten regelmäßig Röntgenstrahlen ausgesetzt gewesen, sagt Bierbrauer und er stützt diesen Vorwurf auf Zeugenaussagen und Dokumente.
Herr Bierbrauer hat gegen die Berufsgenossenschaft geklagt, aber 1996 in letzter Instanz verloren, weil es "keinen Beweis" dafür gebe, dass seine Krankheit durch Verstrahlung verursacht wurde.
Eine Klage gegen Siemens auf Schadensersatz steht noch aus, aber die Zeit drängt: Es droht die Verjährung seiner Ansprüche.
Herr Bierbrauer berichtete uns von weiteren Verstrahlungsfällen in Erlangen. Ein Kollege mit dem er am "Gammatron"-Röntgengerät gearbeitet habe, sei bereits an Krebs gestorben. Er habe einer Strahlungsquelle am nächsten gestanden.
Ein weiterer Betroffener erzählte uns, man habe ihn während seiner Tätigkeit im radiochemischen Labor der KWU 300 Kilogramm auf 3,4% "Uran 235" angereichertes Reaktoruran in Form von 30.000 Tabletten (sogenannte Pellets) bearbeiten lassen.
Er habe diese "Pellets" mit einer Maschine ohne Absaugung in eine andere Form schleifen müssen und sei nicht über die damit verbundenen Gefahren aufgeklärt worden.
Diese "Pellets" werden in die Brennstäbe für Atomkraftwerke eingefüllt, ihre Umformung sei Teil eines Versuchs gewesen. Der Betroffene ist der Ansicht, dass es sich wohl um "Mischoxid" gehandelt hat. Das ist Uran, dem das hochgiftige Plutonium beigemischt ist (Plutonium fällt bei der Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennstäben an).
Diese Aktion habe über eine Woche gedauert. Der massiv eingeatmete Staub habe Jahre später zu einer schweren Schädigung der Lunge ("Fibrose") geführt. Das strahlende Schwermetall setze sich zudem auf der Knochenoberfläche ab, wo es als ständiges Kribbeln spürbar sei.
Auch dieser Betroffene kämpft - bis heute erfolglos - um eine Entschädigung. Nicht mal seine teuren Medikamente habe Siemens bezahlen wollen. Eine Strafanzeige habe die Polizei nicht angenommen, wegen "Verjährung".
Es gibt - so Herr Bierbrauer - noch mehr Betroffene in Erlangen, aber "die trauen sich nicht" gegen Siemens vorzugehen.
In den 70er Jahren kam Herr Bierbrauer immer als erster in die Werkstatt, wo es seine Aufgabe war, Geräte zu reparieren.
"Eines Tages stand ein schwer beschädigtes Gammatron-Gerät in unserer Werkstatt, auch eine Art Fass stand daneben", berichtete er uns.
Er habe geschaut, was in dem "Faß" war, um zu sehen was kaputt war. Da habe er plötzlich einen Stab mit einer stark strahlenden Kobalt-60 Probe in der Hand gehabt. Ein Kollege (Name der Redaktion bekannt) habe das beobachtet, und gebrüllt, er solle den Stab sofort wieder zurück tun.
Obwohl der Stab nicht mal eine Minute ausserhalb des Fasses gewesen sei, seien seine Hände verbrannt gewesen.
Bierbrauer muß am Oberkörper eine ordentliche Dosis abbekommen haben. Dafür spricht, dass er in den Jahren danach typische Symptome einer Strahlenkrankheit zeigte, u.a. Darmblutungen ohne erkennbare Ursache und eine Verbrennung der Regenbogenhaut des Auges.
Noch Jahre später mussten mehrere Tumore aus seinen Fingern entfernt werden, ein Finger blieb jahrelang schwarz.
Das besagte Fass - ein mit Blei ausgekleideter Behälter, in dem der strahlende Stab steckte - habe dann noch 4 Wochen in der Werkstatt rumgestanden. Mit einem Absperrband "gesichert", auf dem "radioaktiv" stand.
Ein Kollege, dessen Arbeitsplatz dieser Strahlenquelle am nächsten gestanden habe, sei inzwischen an Krebs gestorben.
Zu dem Behälter hätte jeder Beschäftigte in der Werkstatt 163 Zugriff gehabt, ebenso wie auf das darin befindliche radioaktive Material. Der Behälter sei nicht versiegelt gewesen, und habe sich ohne Spezialwerkzeug öffnen lassen, berichtete Bierbrauer uns. Er habe auch noch nie vorher mit Gammatron-Geräten Kontakt gehabt, und niemand habe ihm erklärt, daß sie mit radioaktivem Kobalt betrieben werden. Auch sei er nicht über die tödliche Gefahr informiert worden, die von dieser Strahlenquelle ausging.
Ein Physiker bei der KWU habe ihm später erklärt, daß die Strahlung dieses Stabes tödlich sei, wenn sie länger als 2 Minuten aus dieser Nähe den Körper trifft.
Ab 1976 wurde Bierbrauer sehr häufig zu Reparaturen ins "Prüffeld" geschickt [1].
Dort wurden gleichzeitig mehrerere CT-Geräte vom Typ Somatom zwischen ca. Bleistellwänden getestet [1]. Wenn Geräte getestet wurden, achteten die Prüfer darauf, dass sie hinter diesen Wänden standen [6]. Die Prüfer trugen auch Strahlenschutzkleidung und Strahlenmeßplaketten, sogenannte Dosimeter.
Bierbrauer reparierte oder justierte CT-Geräte, auch während die anderen Geräte liefen. [1] Dazu mußte man auch auf Leitern steigen, [5] z.B. um ein Lager zu fetten, und so bestand die Möglichkeit, über die Höhe der Schutzwände zu gelangen.
Selbst wenn wir unterstellen, daß die Schutzwände die Röntgenstrahlung der gerade eingeschalteten anderen Geräte vollständig auffing, wäre Bierbrauer damit der Streustrahlung der anderen Geräte ausgesetzt gewesen.
Es liegt auf der Hand, daß CT-Geräte auch nach oben strahlen: schließlich muß die Röntenquelle ja im Kreis um den Patienten gefahren werden.
Herr Bierbrauer wirft Siemens vor, er habe weder eine Belehrung über die Strahlengefahr, noch Schutzbekleidung erhalten.
Bierbrauer und ein Kollege, der dies später auch bezeugt hat, verlangten ein Dosimeter, was ihnen aber verweigert wurde. [3] Die offizielle Begründung sei gewesen, sie gehörten zur Werkstatt und nicht zum Prüffeld.
Auf Anraten eines Arztes habe sich Bierbrauer dann heimlich ein "Stabdosimeter" besorgt, und vier Wochen auf der Arbeit getragen. Aus Bierbrauers Ablesungen errechnete sein Anwalt eine Tagesdosis von 500 mrem.
Ein Kollege könnte die Ablesungen bezeugen - aber vor Gericht traute er sich wohl nicht. Er gab zwar zu, daß Bierbrauer ihm das Stabdosimeter gezeigt habe. Bierbrauer habe aber nicht verraten, wozu das gut sei [7]. Hatte da jemand Angst um seinen Job ?
Bierbrauers Anwalt rechnete dem Gericht später vor, daß ihn hundert mal so viel Strahlung traf wie die Prüfer, weil er immer nahe an die Geräte ran musste, während die Prüfer hinter den Schutzwänden standen.
Im Gegensatz zu den Mechanikern aus der Werkstatt, die offiziell nicht zum Prüffeld gehörten, gab es andere Mitarbeiter, die solche Dosimeterplaketten trugen, und ärztlich auf Strahlung überwacht wurden.
Bierbrauer hat aufgelistet, wer eine Dosimeterplakette hatte: dies seien Leute gewesen, die lange nicht so häufig, bzw. so nah an den Strahlungsquellen gearbeitet hätten, wie er und seine Kollegen aus der Werkstatt.
Für Bierbrauer steckte dahinter die Absicht, einerseits die Berufsgenossenschaft und die Behörden mit "sauberen Dosimeterplaketten" hinters Licht zu führen und andererseits die Strahlenschutzüberwachung des Personals aus der Werkstatt zu umgehen.
Im Jahr 1992 zeigte Arbeitsmediziner Professor Lehnert der Berufsgenossenschaft an, daß Herr Bierbrauer sich durch die Arbeit bei Siemens eine Berufskrankheit zugezogen hatte.
Die Berufsgenossenschaft erkannte das nicht an, und lehnte es ab, zu zahlen. Daraufhin klagte Bierbrauer gegen die Berufsgenossenschaft und verlor schließlich in der letzten Instanz seinen Prozeß.
Das Gericht befragte Siemens schriftlich. In dem von einem Herrn Domröse für Siemens Med unterzeichneten Antwortschreiben [9] wird behauptet, daß Bierbrauer nicht in Werkstätten gearbeitet habe, in denen Strahlung erzeugt wird.
Als Zeuge wird ein Sicherheitsingenieur Kämpf angeboten.
Dieser Herr Kämpf hat allerdings 1984 auch eine Unfallmeldung [10] unterschrieben, aus der hervorgeht, daß Herr Bierbrauer im Prüffeld einen Arbeitsunfall bei der Reparatur eines Somatom- Gerätes erlitt - demselben Prüffeld, dessen Mitarbeiter Strahlenschutzkleidung und Dosimeter trugen, weil dort eben sehr wohl Strahlung erzeugt wurde.
Siemens, bzw. höhere Siemens-Angestelle wie Herr Domröse können es sich offensichtlich erlauben, deutschen Gerichten die Unwahrheit zu sagen.
Auf diese Aussage des Herrn Domröse wiederum stützte sich 1996 die Berufsgenossenschaft, um im Prozeß Herrn Bierbrauers Berufskrankheit nicht anzuerkennen.
Da passte der Unfallbericht aus dem Prüffeld natürlich nicht ins Bild. So überrascht es wenig, daß die Berufsgenossenschaft diesen Unfallbericht schon "bestimmungsgemäß vernichtet" hatte (Zitat aus einem Schreiben von 19.6.1996), als Bierbrauer diesen bei der Berufsgenossenschaft anfordern wollte. Auf Umwegen kam Bierbrauer aber doch in Besitz des brisanten Dokuments.
Eine mögliche Ursache für Bierbrauers vergeigten Prozeß ist, daß zwei Anwälte ihn hängenliessen.
Sein erster Anwalt habe aufgegeben, sein zweiter Anwalt sei nach einem furiosen Start nicht einmal mehr vor Gericht erschienen. "Da gab es einen kurzen Anruf in der Kanzlei", vermutet Hans Bierbrauer empört, "und dann wußte der Anwalt, daß er die Finger davon lassen soll".
Auch ärztliche Gutachter waren in der näheren Umgebung von "Mutter Siemens" schwer zu finden. Erst in Großhadern bei München fand Bierbrauer verständisvolle Ärzte.
Trotz der vielen Niederlagen gibt Bierbrauer nicht auf. Er will sich mit anderen Siemens-Atomopfern aus Erlangen und dem in der Hanauer Atomfabrik verstrahlten Michael Weber zusammenschließen und weiterkämpfen. Wir wünschen ihm viel Erfolg und daß er den Sieg noch erlebt. Dieser Artikel erscheint auch auf der Homepage von Greenpeace (www.greenpeace.de).
Weil wir Siemens keine Gelegenheit bieten wollen, uns mit einer Klage in den Ruin zu treiben. Deshalb dokumentieren wir in indirekter Rede, was Herr Bierbrauer uns berichtet hat. Klingt furchtbar geschraubt, muß aber leider sein: Wir sind nun mal nicht der "Spiegel", der Geld und Anwälte genug hat, um es darauf ankommen zu lassen.