"Ich wünsche Euch, dass Ihr so
stark wie wir widerstehen könnt!"

Rückblick: vor 65 Jahren begann der Spanische Bürgerkrieg

65 Jahre ist es nun her, dass die Faschisten antraten, die demokratisch gewählte Regierung Spaniens wegzuputschen und damit auch einen weiteren Versuch der sozialen Revolution zerstörten. Im folgenden Artikel betrachtet unsere spanische Kollegin Maria Rodriguez die unrühmliche und feige Rolle der Westmächte, die Spanien sehenden Auges den Faschisten auslieferten.

In Juli 1936 verliess Franco mit seinen Truppen Marokko und landete in Andalusien mit der entschiedenen Absicht, die spanische Republik zu stürzen ­ ''Ordnung" sollte wieder hergestellt werden. Der spanische Bürgerkrieg begann. In den ersten Wochen des Krieges beherrschten die MilizionärInnen die Strasse. Sie waren die einzige bewaffnete Kraft, die dem Putsch Widerstand entge­
gensetzen konnte, weil die zivilen Organe der Republikaner zerstört waren. Wochenlang marschierten bewaffnete Kolonnen oder einfache Bauern durch die Strassen Madrids, einige mit Jagdgewehren oder Revolvern ausgestattet, andere mit Sicheln und Sensen. Die Mehrheit dieser Gruppen hatte noch nie eine Waffe benutzt, konnte kaum lesen und schreiben. Aber sie verband das gemeinsame Interesse, die Republik zu verteidigen und für ein besseres Leben der ausgebeuteten Massen zu kämpfen.

Beispielgebend hierfür war der Angriff der Volksarmee auf die Montaña­Kaserne, in welcher sich Hunderte von Aufständischen verschanzt hatten. Am Abend des 18. Juli wurde die Kaserne von einem Trupp Polizisten, Militärs und bewaffneten Zivilisten im Sturm eingenommen. Mit der Hilfe des Volkes scheiterte der Putsch in Madrid.Zu Beginn des Jahres 1937 verwandelte sich jedoch die anfängliche Begeisterung und die Solidarität der linken Massen in eine unbestimmtes Unsicherheitsgefühl, weil sowohl die deutsche als auch italienische Unterstützung für Franco zunehmend kriegsentscheidend wurde. Während Hitler und Mussolini ihre Hilfe für die Aufständischen intensivierten, beschlossen die französische und englische Regierung, die Waffentransporte für die spanische Republik zu beenden.

Was wäre passiert, wenn in dieser kritischen Situation Frankreich und England der spanischen Republik vorbehaltlos zur Seite gestanden hätten? Hätte Francos Militärputsch von 17. Juli ohne die massive militärische Intervention Deutschlands und Italiens erfolgreich sein können? Genauso muss man fragen, ob Francos Putsch nur wegen der vornehmen Zurückhaltung Westeuropas und der USA siegen konnte. Faktisch hat das europäische Ausland Spanien sehenden Auges dem Faschismus ausliefert. Ich werde im folgenden darstellen, wie die Internationalisierung des Krieges eine Asymmetrie in den Beziehungen der beiden Bürgerkriegsparteien bewirkte und welche Rolle das europäische Ausland in dem spanischen Konflikt spielten.

Vom ersten Tage des Krieges an, insbesondere nach dem Bekanntwerden von Einzelheiten der faschistischen Einmischung in Spanien, wurde der Konflikt als ein weiteres Kapitel des historisches Kampfes zwischen Faschismus und Antifaschismus, zwischen Reaktion und Fortschritt, zwischen Totalitarismus und Demokratie empfunden. Gleichzeitig waren die Informationen der
europäische Presse stark von antibolschewistischen Vorurteilen gefärbt. Die deutsche Presse brachte natürlich den faschistischen Militärs in Spanien viel Sympathie entgegen. Der ''Völkische Beobachter`` kündete immer wieder bereits auf der Titelseite in grossen Schlagzeilen von der angeblichen Intervention der ''Sowjets`` in Spanien.

Fakt war jedoch folgendes: Am 25. Juli 1936 trafen sich zwei Abgesandte Francos mit Hitler in Bayreuth. Der Führer entschloss sich ohne Zögern, den aufständischen Militärs in Spanien zu helfen. Man entwarf den Plan zur ''Operation Feuerzauber", auf deren Grundlage in kürzester Zeit eine Luftbrücke für die in Marokko stationierten Truppen Francos zum spanischen Festland hin entstand. Nazideutschland schickte die hierfür benötigten Transportflugzeuge und deren Besatzungen. Auch versprach Italien eine sofortige Hilfe für die Faschisten. Italienische Flugzeuge sicherten Franco die Meerenge von Gibraltar und die Insel Mallorca. Die ''schwarzen Pfeile" waren in Málaga, Guadalajara und im Norden stationiert.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen diesen faschistischen Reaktionen und denen Frankreichs und Englands lag in der Schnelligkeit, mit der Deutschland und Italien in die Ereignisse in Spanien eingriffen. Während Hitler und Mussolini ohne grosses Zögern ein Risiko eingingen, waren Frankreich und England sehr viel vorsichtiger. Die Ungleichheit der Beziehungen kam den Aufständischen zugute und half ihnen, die schwerste Zeit der ersten Monate nach dem gescheiterten Putsch zu überstehen.
In Grossbritannien regierten damals die ''Tories``, die keine grosse Begeisterung für die Regierung in Madrid hegten. Das
Gespenst der Revolution ängstigte die Londoner Regierung, da dann vitale Interessen Grossbritanniens gefährdet würden.

Daher dachte man in London gar nicht daran, eine Republik wie die spanische zu stützen oder zu stärken. Außerdem betrachteten einige konservative Politiker der eleganten Londoner Clubs die ''Nacionales" (Franco­Anhänger) mit Sympathie, auch Churchill. Während der ersten Monate des spanischen Konflikts war dem englischen Aussenminister Eden ein ''faschistischer" Sieg eigentlich lieber als ein ''kommunistischer". Im Vergleich mit England bezog Frankreich eine relativ zurückhaltende Stellung. In Paris regierte die Volksfront, mit dem Sozialisten Léon Blum als Regierungschef. Blums erste Reaktion war positiv. Als der republikanische Ministerpräsident José Giral am 19. Juli 1936 an ihn telegrafierte und ihn eiligst um Lieferung von Waffen und Flugzeugen bat, kam Blum diesem Wunsch nach. Am 22. Juli kritisierten konservative Politiker Frankreichs und die faschistischen
Mächte die geplante ''Einmischung in spanische Angelegenheite". Darüber hinaus sprach die gesamte Rechtspresse seit Tagen von einer gewissen französischen Einmischung in den spanischen Bürgerkrieg. Auch war die Rede davon, daß die Waffenlieferungen an die Republik die französische Sicherheit gefährden könnten.

Die Kombination von innenpolitischen Spannungen und Angst vor eventuellen internationalen Verwicklungen paralysierte somit die französische Regierung um den entscheidenden ersten Tagen des Konflikts. Unter diesen Umständen beschloß sie, die
Waffentransporte nach Spanien zu beenden und eine ''Nichteinmischungspolitik" zu fördern. In der Sitzung des französischen Ministerrates von 25. Juli wurde dann entschieden, die Lieferung von Kriegsmaterial für die spanische Republik zu verbieten. Einige Wochen später erklärte sich die britische Regierung bereit, die französische Initiative der ''Nichteinmischungspolitik``
zu unterstützen, die die spanische Republik isolieren und gleichzeitig Francos Siegeschancen verbessern sollte. Kurz gesagt: die ''Nichteinmischungspolitik" war ein teuflischer Betrug Frankreichs und Englands und ein Versuch, die soziale Revolution in Spanien zu behindern. Für diese klar ablehnende Haltung gab es u.a. folgende Gründe: Einerseits wurde Spanien als ein von ''kommunistischer Verschwörung`` und ''rotem Terror" überzogenes Land angesehen. Tatsächlich unterstützte aber die Sowjetunion die spanische Republik erst ab 1937. Andererseits hatte man Angst vor den Folgen der Revolution auf republikanischem Gebiet, und entschied sich deshalb für den Faschismus. Die Weigerung, der Republik Waffen zu liefern, schwächte und isolierte die linke Regierung Spaniens.

Glücklicherweise und unabhängig von den Entscheidungen der Regierungen unterstützten sowohl die französische als auch englische Arbeiterklasse von Anfang an die Republik. Der spanische Regisseur Louis Buñuel, damals Spion in der spanischen Botschaft in Paris, erzählt in seiner Biographie, daß die französische Bevölkerung und besonders die Mitglieder der KP ihre Fähigkeiten in den Dienst der antifaschistischen Sache stellten. Am 1. April 1939 erklärte Franco: ''Der Krieg ist beendet". Die ''Nacionales" hatten den Krieg gewonnen. Aber das Ende des Krieges war nicht der Beginn des Friedens. Es begann das traurige Schicksal der Flüchtlinge, die Opfer der nachfolgenden jahrzehntelangen Repression und gewaltsamen Unterdrückung wurden.

Ein Höhepunkt der Flüchtlings­Tragödie fand ­ verschuldet durch die passive Rolle insbesondere Englands, aber auch Frankreichs ­ in Alicante statt. Etwa 15.000 Flüchtlinge, die um ihre Freiheit und sogar ihr Leben fürchten mußten, sammelten sich am Hafen der Stadt, wo die Anwesenheit von englischen und französischen Schiffen erwartet worden war. Jedoch nicht ein einziges Schiff war dort. Stattdessen näherte sich den Flüchtenden von Land das italienische Korps und von See her Schiffe der Francisten um sie in Konzentrationslager zu verschleppen. Nicht besser erging es den republikanischen Flüchtlingen im ''neutralen" Frankreich: Nach Ihrer Ankunft wurde die Mehrheit auch hier in Konzentrationslager geworfen. Viele von Ihnen wurden später ­ nach der deutschen Okkupation Frankreichs ­ von den Nazis in deutsche KZs wie Mauthausen verschleppt und dort umgebracht. Ein republikanischer Offizier, der an der französischen Grenze in den Pyrenäen verhaftet wurde, sagte dem französischen Offizier, der ihn mit Verachtung behandelte: ''Ich wünsche Euch, daß ihr so stark wie wir widerstehen könnt". Bald darauf erlebten die Franzosen den faschistischen Alptraum in ihrem eigenen Land ­ so wie es jener republikanische Offizier vorausgesagt hatte.