Position der Was Lefft zu Israel/Palästina
Der Nahost-Konflikt wird innerhalb
der deutschen Linken heftigst debattiert - wobei sich viele Diskussions-
teilnehmerInnen unreflektiert "für
Israel" ins Zeug legen. Gegenargumente
werden dann nicht mehr gehört
oder sehr schnell dem antisemitischen
Lager zugerechnet. Grund
genug für die Was Lefft, die eigene
Position zu klären und sie Euch auf
den folgenden Seiten vorzustellen.
I. Was wir an der pro-israelischen Ideologie deutscher Linker falsch finden
Wir sehen nicht, daß wir ''als Deutsche``
ohne Rücksicht auf unsere politischen und
religiösen Standpunkt und unsere
Klassenlage gehalten wären, zum Krieg
in Israel/Palästina zu schweigen, wie es
''Antinationale`` im Umfeld von konkret,
jungle world oder teilweise sogar die Kollegen von der ''Raumzeit`` vertreten.
Denn diese These enthält ein ganzes Bündel Ideologie:
A. Rassistische Definition des Deutschseins wird nicht reflektiert
Die zugrundeliegende Definition, wer
''Deutsch`` ist, ist offensichtlich völkisch
(rassistisch), denn eigenes Verhalten heute, oder sogar das der persönlichen Vorfahren unter dem Faschismus spielt keine Rolle.
Um das mal auf die Spitze zu treiben :
Sollten Nachkommen deutscher
KommunistInnen, die im KZ ermordet
wurden, auch zu Israel schweigen?
B. Volksgemeinschaftsidelogie
durch die Hintertür
''Volk ist eine schreckliche Abstraktion``
wie die MG richtig sagte. Wer Menschen
''als Deutschen`` Eigenschaften zuschreibt, muß von ihren politischen und
religiösen Standpunkten und Handlungen
abstrahieren dann kann es ''keine Parteien`` geben, ''sondern nur noch Deutsche``.
Wer als vermeintlich ''AntiNationaler``
die Volksgemeinschaft als Gemeinschaft
derer, die die Klappe zu halten haben wieder auferstehen läßt, hat ein intellektuelles Problem. Sein ''AntiNationalismus``
ist nur ein auf dem Kopf stehender (völkischer) Nationalismus.
C. Geistige Ausbürgerung der JüdInnen
Die kritisierte Position wird vollends unhaltbar,
wenn wir fragen, ob denn Deutsche BürgerInnen die sich zu Judentum
bekennen, zu den ''Deutschen`` gehören,
die zu Israel/Palästina zu schweigen hätten.
``Natürlich nicht'' wird die Antwort lauten. Aber warum nicht, sind sie denn keine Deutschen? Wir erklären uns das historisch so:
Eine der ersten Aktionen der Nazis war,
den Begriff ''Jude`` vom Bekenntnis zu
einer Religion in eine Eigenschaft
umzuwandlen, die vom Willen ihres Trägers unabhängig ist. Wessen Großeltern
sich zur jüdischen Religion bekannten,
der wurde von Staats wegen als Jude definiert. Anschließend verloren die so
ettikettierten Menschen als erstes ihre
Bürgerrechte, sie wurden ausgebürgert,
bevor sie vertrieben und schließlich umgebracht wurden.
Diese Propaganda der Nazis war so erfolgreich, daß im deutschen Massen
bewußtsein diese Ausbürgerung bis heute in der Vorstellung fortbesteht, deutsche
Bürger, die sich zum Judentum bekennen,
seien ''keine Deutschen, sondern Juden``.
D. Ich kenne keine Klassen mehr, ich kenne nur noch ...
Eine Position, die den Klassencharakter
des Kapitalismus nicht mehr sehen will,
ist für uns nicht links oder fortschrittlich.
Wenn nur noch wichtig ist, daß jemand
''Deutscher`` ist, dann spielt es keine Rolle mehr, ob jemand Hilfsarbeiter oder
Aussenminister ist, dann gibt es auch keine Klassen mehr, sondern nur noch Deutsche.
E. Mißbrauch von Auschwitz für die Interessen der Herrschenden
Wie beim Jugoslawienkrieg wird der Verweis auf Auschwitz mißbraucht, um Linke moralisch auf die Seite der Herrschenden zu zwingen: Wer nicht für den Angriff auf Jugoslawien war, war ''ein Helfer serbischer KZWärter``.Wer heute gegen den Krieg Israels ist der auch mit
deutschen Waffen geführt wird der sei
Antisemit.
Ganz nebenbei spielt diese Propaganda
den Nazis in die Hände:
Wenn überall Auschwitz ist, wo Deutschland gerade Krieg führen will, dann wird Auschwitz zu einem Massaker unter vielen. So wird die historische Einmaligkeit des deutschen Verbrecherstaates der Nazis banalisiert.
Dass jede auch berechtigte Kritik israelischer Politik als ''antisemitisch`` gebrandmarkt wird, wertet ''Antisemitismus`` auf: Wenn sogar Leute wie der Grü
ne Ströbele Antisemiten sein sollen, dann
kann Antisemitismus gar nicht so schlimm
sein.
II. Unsere Position
Palästinenser fragen uns, warum sie für
Verbrechen bestraft werden, die nicht sie,
sondern Nazideutschland begangen habe.
Die Gründung Israels und dessen UNO-Anerkennung durch den Teilungsplan von
1948 seien schließlich die direkte Folge
der Verbrechen Nazideutschlands.
Daraus folgt für uns, daß die BRD als
Rechtsnachfolger Nazideutschlands Verantwortung auch für Freiheit, Leben und
Gesundheit der Palästinenser trägt, die
infolge dieser Staatsgründung vertrieben
wurden oder unter Militärherrschaft leben.
Natürlich besteht eine historische Verantwortung
der BRD dafür, daß die jüdischen
Menschen in Israel sicher leben können.
Aber dient die Unterdrückung der Palästinenser, der Siedlungsbau, der Kriegskurs der israelischen Regierung wirklich
dieser Sicherheit? Diese Verpflichtung
kann ausserdem nicht so weit reichen, die
Unterdrückung palästinensischer Menschen mittragen zu müssen.
Israel handelt im Widerspruch zum Völkerrecht. Die UNO hat klargestellt, daß
die besetzten Gebiete einschließlich Jerusalem zu räumen sind, und daß die vertriebenen Palästinenser Anspruch auf
Rückkehr und Rückgabe ihres enteigneten Besitzes haben.
In den besetzten Gebieten herrscht Krieg.
''Dies ist der Krieg für die Befreiung Palästinas`` sagt die israelische Friedens
organisation ''Gush Shalom``. Wir schließen uns den Ausführungen an: ''Dies ist
ein grausamer und unnötiger Krieg, der
ausbrach, weil Israel darauf besteht, mit
Gewalt die Gebiete zu behalten, die es
1967 mit Gewalt genommen hat auch
wenn das die dauernde Unterdrückung
von 2 Millionen PalästinenserInnen bedeutet. Dieser Krieg kann nur auf eine
Weise beendet werden: Rückzug Israels
aus den besetzten Gebieten und die Gründung eines unabhängigen Staates Palä
stina mit OstJerusalem als seiner Hauptstadt.`` soweit Gush Shalom
Israel hat seine Verpflichtungen aus dem
OsloAbkommen nicht erfüllt, der
Siedlugsbau geht weiter. Nach dem Mord
an Ministerpräsident Rabin war keine israelische Regierung mehr bereit, über den
Status Jerusalems, die Aufgabe von Siedlungen, die Gründung eines Palästinenser
staates oder die Rückkehr der Flüchtlinge zu verhandeln.
Angriffe auf Zivilisten, Zerstörung ziviler Infrastruktur, Verhinderung der Ret
tung Verletzter, Erschießen von Sanitätern, Bombenangriffe auf Wohnviertel
und Siedlungsbau in besetztem Gebiet
sind Kriegsverbrechen. Die israelische
Armee begeht solche Kriegsverbrechen
in großem Maßstab. Kriegsverbrechen
sind allerdings auch Angriffe auf israelische Schulbusse oder Einkaufszentren,
wenn die Täter beanspruchen
''Kombattanten`` zu sein, und nicht einfach Terroristen sein wollen.
Die in Israel lebenden Palästinenser müssen die vollen BürgerInnenrechte erhalten.
Israel muß das Recht auf Rückkehr
vertriebender PalästinenserInnen anerkennen und die z.B. aus Jerusalem immer noch anhaltende Vertreibung beenden. Diese Politik wird damit gerechtfertigt, daß sonst in Israel die Palästinenser
in der Mehrheit wären, und damit Israel
kein jüdischer Staat mehr sei. Ausserdem
wird argumentiert, es sei gar kein Platz
für die 36 Millionen palästinensischen
Flüchtlinge.
Wir sehen kein Recht der israelischen
Bürger, die sich zum Judentum oder der
zionistischen Staatsidee bekennen, in einem ''mehrheitlich jüdischen Staat`` zu
leben, und diese Mehrheit durch völkerrechtswidrige Vertreibung, Siedlungsverbote etc. zu sichern. Jedenfalls dann
nicht, wenn in einem nichtreligiösen
Staat ihre Sicherheit und ihre
BürgerInnenrechte auf Dauer gewährleistet werden.
Zur ''Platzfrage`` ist anzumerken, daß in
den letzten 10 Jahren über eine Million
Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion ins Land geholt werden konnten.
Abgesehen davon werden natürlich nicht
alle Palästinenser der Welt zurückkehren
wollen. Die UNOResolution lassen den
Vertriebenen die Wahl zwischen Rückkehr und Entschädigung.
In einem Land, daß von zwei konkurrierenden Nationalismen beansprucht wird,
kann Frieden auf Dauer nur entstehen,
wenn diese Nationalismen in einer universellen Idee aufgehoben werden, wie
das Beispiel Jugoslawien gezeigt hat:
Nachdem der IWF den jugoslawischen
Sozialismus wirtschaftlich die Knie gezwungen hatte gewannen die
Nationalismen die Oberhand und konnten zur Zerschlagung des Vielvölkerstaates instrumentalisiert werden. Solange die sozialistische Idee stärker als die
dumpfen Nationalismen war, herrschte
Frieden.
Da ein sozialistisches IsraelPalästina
nicht auf der Tagesordnung steht, ist die
Gründung eines demokratischen und souveränen Palästinenserstaates ein notwendiger Zwischenschritt zur Aufhebung aller Nationalismen, da jeder Versuch, die
Menschenrechte der PalästinenserInnen
im Apartheidstaat Israel zu sichern, gescheitert ist.
Natürlich kann und soll man sich eine
bessere Zukunft ausmalen. Die könnte
z.B. in einer gleichberechtigten Föderation Israels mit dem neuen Palästinenserstaat liegen, in der sich die Teilstaaten
zunehmend auflösen und die laizistischen,
sozialdemokratischen und linken Kräfte
in Israel ein Bündnis mit den fortschrittlichen PalästinenserInnen gegen reaktionäre Kräfte auf beiden Seiten eingehen.
Wir halten jeden Versuch für wichtig, israelische und palästinensische Menschen
zum gemeinsamen Kampf für bessere
Lebensbedingungen zu organisieren, wie
es die unabhängige Gewerkschaft
Workers Advice Center (WAC)
oder die israelischpalästinensische
Friedensbewegung GushShalom tun.
Die Beteiligung deutscher Staatsbürger in
der Palästina Solidarität ist sinnvoll und
notwendig. Weil ''Ausländer`` Politikverbot erhalten können. Und durchaus
auch, um in der PalästinaSoli Einfluß zu
nehmen für ''völkerverständigende`` und
sozialistische Positionen.