"Ich glaube nicht an die Moral des Westens"
 

Interview mit dem jugoslawischen Journalisten Vladimir Ilich

Unseren Gesprächspartner Vladimir Ilich haben wir im Frühjahr 2001während einer Rundreise durch Serbien kennengelernt. Vladimir ist Journalist undwar von 1996 bis 2000 Assistent des jugoslawischen Informationsministers. Kommenden Herbst erscheint in Belgrad sein neues Buch "New Media World Order''. Dieses Interview mit ihm haben wir Ende Juli via E-Mail geführt.
 

WL: Wie sieht es unter der DOS­Regierung mit der Versorgungslage der jugoslawischen Bevölkerung aus?

Vladimir: Selbst während der Sanktionen war es damit nicht schlecht bestellt. Aber unter der DOS­Regierung explodieren die Preise. So sind beispielsweise Öl, Elektrizität, Post und Telefon doppelt so teuer geworden wie vorher. Die smarten Kerle vom IWF nennen das `"Strukturanpassung''.

WL: Kommt es zu Demonstrationen gegen die Regierungspolitik? Wenn ja, wer nimmt daran teil und wie stark sind sie?

Vladimir: Es sind viele Menschen auf der Strasse: Sozialisten protestieren mit allen Arten von Linken, Radikalen und
dem patriotischen Block gegen die neue Regierung und ihre Politik in Sachen Kosovo und Montenegro. Man kritisiert
auch die Übersendung von Herrn Milosevic an das Haager Tribunal und die Annahme von zu vielen westlichen Dar­
lehen und Krediten.

WL: Welche Kämpfe führen die Gewerkschaften heute?

Vladimir: Die Gewerkschaften befinden sich unter den Fittichen des neuen Regimes. Einige sind jedoch unabhängig ­ und diese setzten sich wirklich für die Rechte der Arbeiter ein. Neulich hat so gar die Gewerkschaft der serbischen Polizisten demonstriert.

WL: Die westliche Medien­Propaganda zielt ja immer noch darauf ab, den Widerstand gegen die NATO­Aggression zu
delegitimieren. Gerade in Belgrad sieht man riesige Werbetafeln, die Slobodan Milosevic die Schuld für den Krieg und
den wirtschaftlichen Niedergang anlasten. Wie wirkt das auf die Menschen, gerade auf die junge Generation?

Vladimir: Die junge Generation ist gespalten. Ein Teil denkt, die NATO bringe Jugoslawien Frieden ­ andere sind stark
gegen die NATO. Oft heisst es: "Schaut Euch Mazedonien an. Dort wurde jeder NATO­Vorschlag akzeptiert und man gab
den Albanern mehr Rechte als irgend jemandem auf der Welt. ... Und jetzt haben sie einen richtigen Krieg.''

WL: Was bekommen Schüler zur Antwort, wenn sie ihre Lehrer nach den Kriegsschuldigen fragen?

Vladimir: Die Lehrerschaft ist gespalten. Einige linke Lehrer kritisierten offen die "schmutzige Rolle des Westens im jugoslawischen Konflikt''. Natürlich gibt es auch solche, die Milosevic die Schuld in die Schuhe schieben. Jedenfalls wird die
Regierung Djindjics neue Geschichtsbücher erstellen.

WL: Im September 2000 sind die NATO­Führer von einem Belgrader Gericht wegen Kriegsverbrechen zu jeweils 20 Jahren Haft verurteilt worden. Müssen die Schuldigen überhaupt jemals davor Angst haben, verhaftet zu werden?

Vladimir: Natürlich nicht. Das einzige, wovor diese Leute Angst haben, ist die Macht zu verlieren. Ich jedenfalls glaube
nicht an die Moral des Westens oder an eine westliche Gerechtigkeit auf internationaler Ebene.

WL: Denkst Du, dass in den jugoslawischen Sezessionskriegen von allen Seiten Kriegsverbrechen begangen wurden? Wenn ja, von wem sollten diese Kriegsverbrechen bestraft werden?

Vladimir: Nur das verantwortliche Rechtssystem vor Ort kann urteilen ­ unter der Aufsicht eines internationalen Gremiums, das aus der UN­Vollversammlung hervorgeht.

WL: Die NATO hat vor wenigen Wochen in der Stadt Vranje ihr erstes Büro auf serbischem Gebiet eröffnet. Wird ganz Jugoslawien nun doch zum Aufmarschgebiet der Imperialisten?

Vladimir: Wir werden sehen. Die NATO hat mit Jugoslawien das Gleiche vor wie mit Bosnien. Schaut Euch die Situation
in Bosnien an und Ihr werdet mehr über die Zukunft Jugoslawiens erfahren! Es bleibt abzuwarten, wie die Bürger Jugo­
slawiens diese Herausforderung beantworten.

WL: Was war Deiner Meinung nach der Grund für die BRD am Angriff auf Jugoslawien teilzunehmen?

Vladimir: Deutschland ist von alten Revanchisten und Geschichtsrevisionisten geführt worden. Die Wurzeln dieser "grossen Vendetta'' gehen zurück bis in die Zeit der beiden Weltkriege. Aber die Hauptgründe sind pragmatischer und ökonomischer Natur: Energieleitungen und neue Standorte für strategische Militärbasen spielen eine wichtige Rolle.

WL: 300.000 Serben und Roma sind aus dem Kosovo geflohen, die Umtriebe albanischer Extremisten nehmen weiterhin zu. Wie geht es mit der Region weiter?

Vladimir: Weder die Kosovo­Albaner noch die Serben werden bestimmen, wo es langgeht. Die wirklichen Herrscher werden Ausländer sein -- in erster Linie westliche Geschäftsleute und Politiker.Dahinter steckt ein sehr alter kolonialer Trick: Teile und herrsche.

WL: Nach der Auslieferung von Slobodan Milosevic kam es zu Protesten und Demonstrationen in Serbien. Kann daraus eine neue Bewegung entstehen?

Vladimir: Zuerst möchte ich nochmal festhalten, dass Milosevics Kopf verkauft wurde ­ wie in einem typischen US­Film
a la "gute Cowboys und gesuchte Banditen''. Die Demonstrationen werden weitergehen und immer mehr Menschen
schliessen sich täglich an. Am 26. Juni -- zwei Tage vor der Deportation -- waren mehr als 70.000 Leute auf den Strassen
Belgrads. Freiheit für Herrn Milosevic und für Serbien wurde gefordert. Regierungsnahe Zeitungen wie ``Glas Javnosti'' sprachen hingegen von nur 5.000 Demonstranten. Wir werden sehen wohin sich die Demos entwickeln, wenn das ganze patriotische Lager vereinigt ist.

WL: Die jugoslawische Idee war ja mit einer sozialistischen Gesellschaftsform verknüpft -- aber Serbien und Montenegro
haben nun kapitalistische Regierungen. Ist damit nicht auch die jugoslawische Idee gestorben?

Vladimir: Genau das wollen Zeitungen wie die "FAZ'' oder die "Welt'' hören. Ebenso bestimmte Zirkel in Wien, Berlin, Washington und dem Vatikan. Aber wer hat es jemals geschafft, eine Idee zu töten? Besonders die Idee der Freiheit?

WL: Was erwartest Du von deutschen Antiimperialisten?

Vladimir: Weiterhin gegen Monopolisten aller Art zu kämpfen! Es ist auch sinnvoll, der deutschen Gesellschaft klarzumachen, dass das Haager Tribunal ungerecht ist -- aus mehreren Gründen:
Erstens handelt es sich dabei nicht um ein universelles Gericht, sondern nur um ein Tribunal für Jugoslawien und Ruanda.
Zweitens wurde das Tribunal vom UN­Sicherheitsrat ins Leben gerufen, der keine gesetzgebende Körperschaft ist, sondern nur der Ausdruck politischer Machtverhältnisse.
Drittens beschäftigt sich das Tribunal nur mit der Zeitspanne vom Januar 1991 bis zur Gegenwart. Die Verbrechen gegen
den Frieden, die vor dieser Zeit von Milan Kucan aus Slowenien, Alija Izetbegovic aus Bosnien, Stipe Mesic aus Kroatien, Vasil Tupurkovski aus Mazedonien, Hans­Dietrich Genscher aus Deutschland, Gianni de Michelis aus Italien usw. begangen wurden, werden so nicht berücksichtigt.
Viertens wurde Carla del Ponte von Kofi Annan als Chefanklägerin empfohlen -- und der ist nur eine Marionette der US­Regierung.
Fünftens hat Frau del Ponte selbst das Statut des Haager Tribunals verletzt, in dem es heisst, dass der Ankläger keine Vorschläge irgendeiner Regierung entgegennimmt. Frau del Ponte hat nämlich offen zugegeben, dass Madelaine Albright ­ die frühere Aussenministerin ­ ihr Weisungen erteilt hat.
 

Infos / Petitionen im Netz:
Serbisches Netzwerk: www.srpska-mreza.com
Belgrade Forum: www.belgrade-forum.org
Internat. Komitee zur Verteidigung Slobodan Milosevics: www.free-slobo.de