Miethaie legen los - Moltkestraße: Wohn-Biotop vor dem Aus

Seit nunmehr 30 Jahren vermietet die Stadt Erlangen in der Moltkestraße No.5 und 9 günstige Wohnungen. Die Frage ist, wie lange noch.

Wie auch die anderen ihrer Art hätten diese beiden Backsteinhäuser, die ca. 1890 erbaut worden sind und als Behausungen für handwerkliche Betriebe erdacht waren, später aber als Kasernen der U.S.-amerikanischen Besatzungsmacht nach dem zweiten Weltkrieg dienten, dem Bau der Berufschule weichen müssen. Aber man hat die Bebauungspläne abgewandelt und die an den gemeinsamen Garten (ca. 25m mal 50m) der Moltkehäuser No. 5 und 9. angrenzende Restfläche zum Parkplatz der heutigen Berufschule umkonzipiert. So fasst heute die dreistöckige No. 9 zwölf Parteien, die zwei Etagen hohe No. 5 jedoch nur fünf, d.h. es leben 17 unterschiedliche Parteien in den beiden Häusern. Die Häuser »stehen auf Abriß« (siehe Kasten) deshalb sind die Mieten billig. Anfang der 90er wurden sie dann doch noch unter Denkmalschutz gestellt, was aber die Stadt nicht veranlaßt hat, mehr Geld reinzustecken. Deshalb bewegen sich die Mietpreise zwischen 2 und 3 Euro pro Quadratmeter -je nachdem, wie freigebig die Stadt dann doch den beharrlichen Forderungen einiger Mieter nach einem gewissen Standard (der sich sowohl im Heizpotential der Fernwärme, als auch im »Luxus« einer Badewanne bzw. Boiler äußert) nachgegangen ist -und ist somit äußerst günstig. Zwar musste von den Mietern nicht, wie sonst üblich, Kaution gezahlt werden, aber oftmals bleibt es den BewohnerInnen selbst überlassen, ihre Wohnung vollends herzurichten. Über Heizung, Kücheninstallation bis zu selbstgezimmerten Stockbetten mag manch einer über die Jahre bis zu 50.000 Euro in sein Heim investiert haben.

Bild: Kinderparadies Kinderparadies

Nicht einmal das Fensterstreichen (außen) zahlt der Vermieter (also die Stadt). Selbiger rückt »nur« an, wenn es an allen Ecken und Enden zu bröckeln beginnt; auf der anderen Seite kassierte Klaus Treczka vom Gebäudemanagement (ehemals Liegenschaftsamt) für die Stadt auch »nur« die (mehr als geringe) Miete und lässt die MoltkebewohnerInnen ansonsten in Selbstverwaltung (Kellerausbau, Ein-und Umbau in den Wohnungen nach Gutdünken etc.) verbleiben. Somit hat das Leben hier, trotz externer Toiletten, maroden kunterbunt entflammender Steckdosen und undichter Haustüren in diesen zusammengeschusterten« Behausungen doch durchaus seinen Charme, weshalb es wohl die längste Bewohnerin nun auch schon an die 20 Jahre in dieser »Grünen Insel« aushalten mag. Durchschnittlich wohnt man schon mindestens zwischen drei und fünf Jahren zusammen, hat also kaum MieterInnenfluktuationen und kommt trotz oder gerade wegen verschiedenster Klientel, welche aus Familien, ArbeitnehmerInnen, EigenbrötlerInnen aber weniger aus StudentInnen besteht, bestens miteinander aus. Kinder der »Moltke« und Kinder von »außen« finden hier viele Spielmöglichkeiten (unter anderem eine Feuerstelle); es herrschen Freundschaft und Zusammenhalt und man selbst versteht sich als »klassische dörfliche Gemeinschaft« und nicht als sozialen Brennpunkt a la Bruck. Auch findet hie und da ein Fest statt und überhaupt ist man ein »sozialer Treffpunkt« inmitten dem grauen Mietshäusereinerlei. Wie schon oben erwähnt, stehen die beiden Gebäude nun seit Anfang der 90er Jahre unter Denkmalschutz. Dumm nur, dass alles, und mag man es noch so oft notdürftig flicken, irgendwann einmal doch den Geist aufgibt. Das bringt die Stadt in arge Bedrängnis, denn ein kaputter Dachstuhl, zu erneuernde Abund Zulaufrohre u.ä. nicht aufschiebbare Dinge in der »Moltke« würden der Stadt laut Hochbauamt ein 750.000 Euro schweres Loch für Sanierungsmaßnahmen in die Geldbörse schlagen. Geld, was die Stadt anscheinend nicht zu haben scheint, obwohl sich doch aus 30 Jahren Mieteinnahmen gewisse Rücklagen für solche Fälle gebildet haben dürften. Logisch also, dass man sich vor der anstehenden Verantwortung drükken will und vehement versucht, so einen baufälligen Klotz am Bein los zu werden ? Man behauptet, mit der Vermietung der beiden Liegenschaften ein schweres Verlustgeschäft gemacht zu haben, was kompletter Unfug ist, denn auch »Häuser auf Abriß« bringen -und das ist unbestreitbar -mehr Geld ein, wenn man sie vermietet, als wenn man sie leerstehend verschimmeln lässt. So gesehen sind MieterInnen und Stadt als Vermieterin eine kleine aber feine Symbiose eingegangen. Da solch eine Behauptung auf längere Sicht nicht dem Auge des Betrachters Stand hält, versucht man des weiteren diese durch beweisführende Phantastereien zu untermauern. Unlängst wartete der Wirtschaftsreferent Beugel auf der Haupt-und Finanzausschusssitzung mit der Bekanntmachung auf, dass der Verkauf der Häuser der Moltkestraße No. 5 und 9 an eine Privatfirma das volle (!) Einverständnis der MieterInnen finde, was schlicht weg eine Lüge ist. Auch eine anschließende Diskussion mit dem Wirtschaftsreferenten klärte nicht über das Aufkommen dieser unsachgemäßen Behauptung auf, da Herr Beugel mittendrin das Weite suchte. Tatsache ist, dass ein Herr Dintios von der Interessengruppe Vorrath drei Wochen zuvor in der Moltkestraße eine Befragung durchgeführt hat, wobei er nur 8 von 17 Mietparteien angetroffen hat, von denen sich wiederum nur zwei mit Vorbehalt für eine Sanierung ausgesprochen haben. Zwei von 17, das ist ganz und gar keine Mehrheit. Nun ist es ja so, dass ein Kaufinteressent wie Vorrath die Lage sondieren muß. Aber ist es rechtens, dass eine vollständige Adressen-und Telefonliste (einschließlich Handynummern) von einer städtischen Dienststelle an selbige Firma ausgehändigt wird, um derlei Befragungen durchzuführen?

Bild: Nochwird in der Moltke gefeiert ... Nochwird in der Moltke gefeiert ...

Darf man des weiteren unangemeldet erscheinen und die BewohnerInnen freundlich heuchelnd »ausqetschen«, um an die für die Firma Vorrath nicht unwichtigen Informationen zu kommen? Fragen über Fragen, auf welche die MoltkebewohnerInnen im steten Briefverkehr mit der Stadt gar keine oder nur unzureichende Antwort bekommen. Sicher ist, dass sich die Moltkeraner hintergangen fühlen und das lauernde Schreckgespenst Verkauf dann auch drei Wochen darauf in der Stadtratssitzung vom 29. November 2001 beschlossene Sache war. Nachdem die angeblich positive Einstellung der MoltkebewohnerInnen gegenüber einem Verkauf in der Ausgabe vom 23.11.01 der Erlanger Nachrichten verkündet worden war, stand dem Verkauf politisch nichts mehr im Wege. Der Zuschlag ging an die Immobiliengruppe Vorrath, die durch CSU-Stadträtin Marianne Vorrath über verwandtschaftliche Beziehungen zur Stadt verfügt, die hier sicher nicht von Nachteil waren. Natürlich wird der Käufer offiziell nicht bekannt gegeben, die MieterInnen wissen offiziell von nichts und erfahren aus Zweiter Hand (wieder der Zeitung) vom Verkauf ihrer geliebten Mietwohnungen. Da Vorrath -oder soll man sagen, der aus Datenschutzgründen nicht genannte »Käufer« -aller Wahrscheinlichkeit nach die Wohnungen ultramodern sanieren wird, wird sich für die jetzigen Mieter die Existenzfrage stellen: Vorrath ist dazu berechtigt, 11% der Sanierungskosten auf den Mietpreis aufzuschlagen, was ca. 4 bis 5 Euro pro Quadratmeter bedeutet und was sich 2/3 der Moltkeraner nicht werden leisten können. Dies dürfte nicht das einzige zu bewältigende Problem werden: Wohin sollen die MieterInnen gehen ? Sollen sie in Übergangswohnungen? Wird sich die Stadt kümmern oder wird man sich selbst überlassen? Quälende Fragen, die durch ihre Nichtbeantwortung wieder nur Schikane sind. Ganz allgemein ist die beunruhigende Tendenz festzustellen, dass die Stadt ihre günstigen Wohnungen los werden will, um dann teuren Mittel-und Oberklasseeigenheimen Platz zu machen, was man dann wohl Verbesserung des Stadtbildes nennt. Denn man kann unliebsame RentnerInnen, BilliglohnverdienerInnen, SozialhilfeempfängerInnen und AusländerInnen mit dieser unsozialen Wohnpolitik an den Stadtrand in die z.T. neuen Sozialbauten verdrängen. In der Bismarckstraße hat man es schon vorgemacht und in Schiller-, Löhestraße und demnächst auch Schleifmühle, nicht unweit der Moltkestraße, haben Vorrath und Konsorten fleißig Doppelhaushälften und Eigentumswohnungen hochgezogen. Klar, dass man in solch ein »asoziales« Umfeld wie die Moltkestraße keine rechtschaffenen Bürger setzen kann. Klar auch, dass diese neureichen Enklaven auf längere Sicht die verdrängen werden, die sich finanziell nicht wehren können. Ein Stadtbild für ein CSU-Klientel: Was nicht passt, wird passend gemacht.