Teil D: Anhang - Witziges und Wissenswertes

Die FEN Geschichte einmal anders

 

Das FEN

Eine kurze Geschichte der Geschichte

von
Peter Beck
 


Es war im Jahre 1 des letzten Jahrzehnts des 2. Jahrtausends der lokalen Zeitrechnung. Wir befanden uns an einem ganz wunderlichen Orte, wo elfenbeinerne und kristallene Türme in den seltsamsten Farben und Formen weit in den Himmel ragten. Diese Türme dienten einem ganz bestimmten Zwecke, den ein Besucher von außen nicht so leicht erkennen konnte. Doch schaffte er es durch die wenigen streng bewachten Türen in einen dieser Türme hineinzugelangen, so bot sich ihm ein gar seltsames Bild. Viele Männer - und einige wenige Frauen - schritten da drinnen erhaben und gemächlich hin und her, auf und ab; sie waren in die vornehmsten Mäntel gehüllt, auf die geheimnisvolle goldene und silberne Symbole aufgestickt waren. Jeder Mantel trug andere Symbole, die etwas darüber aussagten, worüber der Mantelträger gerade nachdachte. Außerdem waren an die Mäntel verschiedene Bänder angeheftet, in die die Titel eingeschrieben waren, die die Verdienste des jeweiligen Mantel-Trägers würdigten. Diese Menschen waren, als die sogenannten 'Träger des reinen Wissens', von Untergebenen und auch zahlreichen Adepten umgeben. Letztere befanden sich gerade auf ihrem langen, beschwerlichen Weg, in ferner Zukunft einmal selbst einen solchen Mantel zu bekommen.

Zu besonderen Stunden an ganz bestimmten Tagen teilten die Träger der Mäntel einen klitzekleinen Teil ihres Wissens diesen Adepten mit. Dies geschah in den 'heiligen Hallen', die auch im Inneren der Türme gelegen waren. Um den Adepten gleich von Anfang an klarzumachen, wie allein das neue Wissen erworben werden konnte, hingen an den Wegen zu diesen Hallen überall Schilder, auf denen verschiedenste Regeln geschrieben standen, so zum Beispiel "Lache nicht in den geheiligten Hallen des Wissens", oder "Ein Mantelträger weiss es immer am besten" oder "Verliere dich nicht in den Lustbarkeiten des Lebens".

Die wichtigste Aufgabe der Untergebenen war es, die Worte, die die Mantelträger produzierten, zu verkünden und in der Welt zu verbreiten, zur Ehre und zum Ruhm des ihnen vorgesetzten Mantelträgers. Und wenn auch viel von dem neu produzierten Wissen sogleich in den riesigen Katakomben landete, die unter den Türmen angelegt worden waren, um die Flut des neuen Wissens aufzunehmen, so wurde doch versucht, einiges von diesem Wissen anderen Mantelträgern in aller Welt zugaenglich zu machen.

Für diesen Zweck wurde eine weitere Eigentümlichkeit dieser Landschaft benutzt, die sofort auffiel, wenn sich der Besucher die Türme einmal genauer anschaute; und zwar gab es in den Türmen Öffnungen, aus denen breite silberne Straßen hervorkamen. Diese Straßen nun waren gar wunderlich anzusehen: silberne Bänder mit vielen Gabelungen, die sich mäandrierend wie leichter Stoff, im Wind hin und her wehend, in die Unendlichkeit verloren, um irgendwo in ähnliche Türme zu münden. Es gab nämlich in dieser Zeit auf der Welt noch viele solcher Ansammlungen von Türmen, in denen unzählige Mantelträger in ähnlicher Weise hin und her schritten. Hin und wieder geschah es, daß neues Wissen einen Turm auf einer dieser Straßen verließ; und dieses Wissen war in Form von goldenen Sternen, die sich auf den Straßen, untereinander die ungewöhnlichsten Muster bildend, fortbewegten, auch für menschliche Augen zu sehen. Manchmal waren auch Sterne zu sehen, die von anderen Türmen herkamen, aber fast immer lagen die Straßen verlassen und einsam da, und nur wenige nahmen von ihnen überhaupt Notiz. Obwohl diese goldenen Sterne nun wahrlich Erstaunliches vollbringen konnten! Sie konnten nämlich nicht nur neues Wissen in die weite Welt bringen, sondern auch den Geist der Menschen mit sich nehmen zu all den anderen Orten, die über die silbernen Straßen miteinander verbunden waren. So war es möglich, ferne Dinge zu schauen und sich sogar mit anderen Menschen in der ganzen weiten Welt der Straßen zu unterhalten.

Nun war das Gebiet der lokalen Turm-Ansammlung sehr groß und neben den hohen leuchtenden Türmen gab es auch kleinere Türme, die mehr am Rande gebaut waren. Einer dieser kleinen Türme erschien schon auf den ersten Blick ganz anders als die anderen. Und zwar hatte er sehr viel mehr Öffnungen als all die anderen Türme, aus denen seltsame Dinge wie zum Himmel gerichtete Schüsseln hervorragten. Allerdings ging aus diesem besonderen Turm bis dahin noch keine der breiten silbernen Straßen aus einer der Öffnungen hervor, denn diese waren noch den großen Türmen vorbehalten gewesen.

Bei diesen kleinen Turm handelte es sich um den Turm von Fimmius I, und der Grund dafür, daß er so anders aussah war der, daß auch Fimmius I ganz anders war als die anderen Mantelträger. Er hatte zwar auch einen Mantel, trug ihn aber nicht so oft wie die anderen, weil er Fimmius zu sehr behinderte. Fimmius, der kreative, wie er auch genannt wurde, war nämlich ein Mensch, der vor Ideen nur so sprühte. Während seine Kollegen in ihren Mänteln ganz gemächlich auf und ab schritten - wobei sie die Mäntel nicht behinderten - und gelegentlich einen Brocken neuen Wissens fallen liessen, quollen aus dem Teil des Turmes von Fimmius, in dem sich dieser meist aufzuhalten pflegte, fast ständig große Mengen neuer Ideen in den verschiedensten Farben und Formen hervor. Sie hatten in dem kleinen Turm bereits fast alle Räume gefüllt, und es gab so viele Öffnungen, weil die wenigen, die normalerweise fuer einen so kleinen Turm vorgesehen waren, bei weitem nicht ausreichten für die große Menge der Ideen von Fimmius I, ueber den andere Mantelträger - wie es eben so ist in der Welt - wegen seiner Andersartigkeit oft die Nasen rümpften.

Es begab sich nun, daß in dem besagten Jahre 1, einer der vielen, vielen unbedeutenden Adepten des Wissens, der in dem Turm von Fimmius I arbeitete, um sich seinen kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen, mit dem Bohren einer der neuen, so dringlich benötigten Öffnungen für die große Flut der Ideen in der Außenwand des Turms beschäftigt war. Zunächst ging alles seinen normalen Gang, den es immer ging, wenn eine neue Öffnung gebohrt wurde. Doch handelte es sich bei dieser Öffnung um die erste in dem kleinen Turm, bei der es nach zahlreichen Verhandlungen und Ehrerbietungen den Meistern der großen Türme gegenüber erlaubt worden war, daß sie in eine der breiten silbernen Strassen münden durfte.

Und dann, nachdem ein kleiner silberner Pfad von der Öffnung zu einer der Straßen hin angelegt war, steckte der Adept - es handelt sich übrigens um den Erzähler dieser Geschichte - seinen Kopf das erste Mal durch die Öffnung, um zu sehen ob das Werk denn gelungen war. Und es geschah etwas sehr seltsamen mit ihm: Er war ihm als würde er durch die Öffnung hindurch inmitten vieler goldener Sterne den kleinen silbernen Pfad hochwirbeln zu einer der breiten Straßen und über sie hinweg in Windeseile zu vielen anderen Türmen auf der ganzen Welt, großen und kleinen. In der folgenden Zeit ging er, erschrocken und fasziniert von der neuen Erfahrung, besonders nachts, nachdem die Arbeit des Tages getan war, immer wieder auf Reisen. Doch bot sich ihm zunächst immer das gleiche Bild: breite, leere Straßen und nur hin und wieder einmal goldene Sterne, die diese Straßen benutzen, bis, ja bis er eines schönen Tages etwas erblickte, das anders zu sein schien:

Eine Art Dorf war es, das er da sah und das neben eine Turm-Anlage gebaut worden war, ähnlich wie die, zu der der Turm von Fimmius gehörte. Dieses Dorf aber war nicht in die Höhe gebaut, sondern in die Breite und bestand nicht aus Türmen, sondern aus den unterschiedlichsten kleinen Häusern, die mit bunten Farben angemalt, aus den verschiedensten Materialien gebaut waren. Durch die vielen offenen Fenster sah er, daß sie voll von Menschen waren. Und das sonderbarste war, daß sowohl die silbernen Straßen in dem Dorf, die die niedlichen Häuschen miteinander verbanden, als auch die Straßen, die nach draußen führten, voll waren von goldenen Sternen, ja es schien, als hätten die Sterne gar nicht den Platz, den sie eigentlich bräuchten. Sie schienen sich gegenseitig zu behindern, so viele waren es. Unser Adept war nach den menschenleeren Straßen, von denen er vorher so viele gesehen hat, ganz gehörig erstaunt. Es gab auch keine der Schilder, die in den Elfenbeintürmen überall herumhingen, und es ging sehr lustig zu in dem Dorf; es wurde gelacht, gestritten, gefeiert, gespielt, die einen stellten Fragen an andere, die Antwort gaben (Antworten geben war in den Elfenbeimtürmen dagegen erst nach jahrelangen Einweihungen gestattet). Und es geschah überhaupt vieles von dem, was Menschen so tun, wenn sie nicht gerade mit dem ernsten Erwerb von reinem Wissen beschäftigt sind.

Und das Besondere war auch, daß aus jedem Haus, wo die Bewohner gerade etwas taten, viele goldene Sterne hervorströmten und über die silbernen Straßen in die anderen Häuser und in die weite Welt eilten, um dort etwas von diesen Bewohnern zu erzählen.

Immer wieder, wenn er Zeit hatte, steckte unser Adept seinen Kopf durch die Öffnung und eilte zu diesem besonderen Dorf, von dem er dann auch bald erfahren hatte, daß es in einem Land gelegen war, das Cleve-Land hieß. Da er durch die Öffnung hindurch mit Hilfe der Sterne ja nicht nur sehen, sondern sich auch unterhalten konnte, lernte er bald viele Bewohner des Dorfes kennen und auch den Dorfgründer, den großen Herrn Gruendtner. In einem der nächtlichen Gespräche mit ihm schlug ihm dieser doch glatt vor, selbst ein solches Dorf bei den heimischen Türmen zu gründen. Zunächst fasziniert von dieser Idee, und nach einigem Nachdenken immer mehr überzeugt davon, daß so etwas tatsächlich möglich wäre, wenn ihn wenigstens der kreative Fimmius unterstützen würde, ging der Adept zu diesem und erklärte ihm sein Vorhaben. Und es geschah eines jener Wunder, die sich nur durch das Zusammentreffen der allermerkwürdigsten Umstände zur richtigen Zeit am richtigen Ort erklären lassen - oder halt überhaupt nicht; jedenfalls hatte Fimmius bald viele eigene Ideen zu dieser Idee und ihrer möglichen Zukunft, ließ den Adepten gewähren und gab ihm seine Unterstützung, wo nötig.

Was war nun notwendig, um solch ein Dorf zu gründen: Baumaterial, die Anbindung an die silbernen Straßen, und dann natürlich viele Mitbauer und Dorfbewohner. Puh, sagte der zukünftige Dorfgründer und begann seinen und den Traum vom großen Gruendtner zu verwirklichen. Das Bauland gehörte zum Bereich des Turms von Fimmius; es konnte sogleich abgesteckt werden. Für das Baumaterial wurde eine Petition bei einem großen Baumaterialhersteller, der unter dem Zeichen der Sonne arbeitete, und der sich deshalb gut auskannte, wie mit den kleinen goldenen Sonnen auf den silbernen Straßen verfahren werden mußte, eingereicht; und tatsächlich wurde bald ein Satz Material für das Allernotwendigste geschickt. Dann aber die Straßen: das Dorf mußte an die breiten Straßen der großen Türme angebunden werden, die aber nur für einen Zweck benutzt werden durften, den Austausch von Wissen. Nun war der Turm von Fimmius zwar ein kleiner Turm, aber letzlich doch ein Turm, der dem Finden von neuem Wissen diente, und nach der Bekanntgabe, der Bau des Dorfes diene doch dem Erwerb von neuem Wissen, wurde - unter vielen argwöhnischen Augen - die zeitlich-befristete Duldung der Benutzung der großen Stra´ßen zum Zwecke des Erwerbs dieses Wissens gewährt.

Die neue Straße zum Dorf wurde angelegt, die ersten Häuser entstanden, und es gesellten sich schon bald einige fleißige Mitbauer hinzu, die auch eigene Ideen zu dem Vorhaben entwickelten. So kam es nun, daß am 29. Tag des 11. Monats des 3. Jahres des letzten Jahrzehnts des 2. Jahrtausends das neue Dorf neben dem Turm von Fimmius I seine Pforten öffnen konnte. Das Dorf bekam den Namen "Freies zu Erprobendes Neudorf" (FEN) und es warteten schon viele Menschen, um in die neuen Häuser einzuziehen. An diesem Tag wurde lange und fröhlich bis tief in die Nacht hinein gefeiert.

Doch schon bald darauf zeigten sich die ersten schwarzen Wolken am Horizont, da die lokale Schreiberzunft in ihren täglich erscheinenden Blättern ausführlicher über die Gründung des Dorfes berichtet hatte als über das 25-jährige Jubiläum von einem der zentralen großen Elfenbeintürme, das am selben Tag stattgefunden hatte. Nun, die Turbulenzen hielten sich noch in Grenzen, eine gute Fee hielt ihre Hand über das Dorf, und so konnte unser Adept mit den immer zahlreicher werdenden Bewohnern eine ruhige Zeit des Aufbaus verbringen. Es wurde gewerkelt und gezimmert, es erschienen immer mehr goldene Sterne auf den Straßen und Fimmius hatte immer neue Ideen von dem, was in dem neuen Dorf alles gelernt werden könnte, denn das Lernen war ja sein Spezialgebiet.

Nur eines gefiel der Fee, die die Bauarbeiten mit Interesse beobachtete, nicht so gut; nämlich das, daß es in dem Dorf fast nur männliche Wesen gab. Sie hatte nichts gegen männliche Wesen, aber sie hatte schon oft beobachtet, dass, wenn männliche Wesen so unter sich waren, die Ergebnisse eines Vorhabens doch mitunter sehr einseitig ausfielen. Und so schickte sie in den Weihnachtstagen des Eröffnungsjahres, nachdem sie ihren Charakter eingehend überprüft und als geeignet für die Rolle der 'Dorf-Mama' befunden hatte, eine Adeptin des Wissens, die auf der Suche nach einem Lebensunterhalt war, - ohne deren Wissen natürlich, so handeln Feen ja meistens - in den Turm von Fimmius. Dort erblickte Mama-Ela - so hieß die Adeptin - das kleine Dorf, und sofort wurde ihr Herz von mütterlichen Gefühlen zu ihm und seinen Bewohnern ergriffen. Das Dorf hatte eine würdige Mama gefunden, die bis heute nicht nachgelassen hat, sich um die Nöte der Dorfbewohner zu kümmern, meist mit großer Güte, manchmal aber auch mit der Härte, von der Mütter glauben, daß sie manchmal bei der Erziehung der ihnen Anvertrauten unumgänglich sei.

Und immer wieder stießen neue Menschen zu den Dorfbewohnern hinzu, wie der immer bunt gekleidete Ritter Rolando mit seinem wallenden Haar, der sich für den am weitesten abgelegenen und am wenigsten von den Türmen einsichtigen Teil des Dorfes interessierte. In diesem Teil hatte sich bisher noch niemand niedergelassen, weil er von dickem Schlamm bedeckt war, doch Rolando begann sofort, dort etwas sehr Eigentümliches zu bauen: Das Schlammgebiet wurde mit hohen hölzernen Wänden abgegrenzt, und jeder, der dort hinein wollte, mußte sich am Eingang mit Schlamm beschmieren und eine Maske aufsetzen, so daß nicht mehr erkennbar war, um wen es sich handelte. Er bzw. sie bekam einen neuen Namen und wurde zum Ritter, Burgfräulein oder was auch immer jemand sein wollte erklärt, bis er Rolando's Gebiet wieder verließ. Und das Schönste war, daß die Maskenträger auch noch am Aufbau der Räumlichkeiten dieser Gegend persönlich mitarbeiten konnten.

Doch zeigte sich in Rolando's Reich bald eine der unrühmlicheren Seiten des menschlichen Wesens: Da die Identität der Maskenträger nicht mehr erkennbar war, benahmen sich manche hin und wieder ziemlich garstig ihren Mitbewohnern gegenüber. Und als auch noch einige anfingen sich Privilegien zu verschaffen, mit denen sie sich über die anderen stellten, ertrug es nach zahlreichen Ermahnungen Mama-Ela's Herz nicht mehr, und sie brachte Rolando und seine Leute dazu auszuziehen. Letztere haben - soweit es die Gerüchte erzählen - inzwischen woanders eine Schlamm-Gegend nach gleichem Muster gegründet, die auch über die silbernen Straßen erreicht werden kann.

Doch geschah dieser Auszug erst nach dem ersten Geburtstag des Dorfes, an dem schon über 2000 Bewohner das Dorf bevölkerten und schön hergerichtet hatten. Zu dieser Zeit begann das Dorf auch durch das muntere, lustige Treiben, das dort herrschte, insbesondere in den großen Türmen, Aufsehen zu erregen. Hatte ein Abgesandter der Türme noch auf der Geburtstagsfeier erklärt, die großen Türme würden sich um das Dorf auf ihrem Gebiet, Zitat: "ihr Dorf", kümmern, so wurde doch zunehmend deutlich, daß es in dem Dorf, das auf Turm-Grund gebaut worden war, anders zuging als in den Türmen üblich. Es wurde dort gelacht und es wurde sehr viel voneinander gelernt und nicht von irgendeinem der Mantelträger, und damit war die anerkannte Art und Weise des Wissenserwerbs in Frage gestellt. Die großen Türme begannen Untergebene an die silbernen Straßen zu stellen, die die Sterne, die von dem Dorf kamen, genauestens in Augenschein nehmen sollten. Und nachdem die Mantelträger davon in Kenntnis gesetzt wurden, daß die Sterne Botschaften enthielten, die mit ihrer Vorstellung von Wissen ganz und gar nichts zu tun hatten, Botschaften, wie 'ich liebe Dich', war auch die Fee des Dorfes nicht mehr stark genug, ihren Schutz auf Dauer aufrechtzuerhalten. Und so wurden Fimmius und der Erzähler vor ein Tribunal gerufen, wo ihnen eröffnet wurde, daß das Dorf in absehbarer Zeit in einen Bereich außerhalb des Turmgebietes umziehen müsse, da in dem Dorf nicht nach den Regeln der Türme gelebt und gehandelt werde. Auch dürften die Straßen der Türme dann nicht mehr benutzt werden, was sehr bitter sein würde. Doch bis dahin wurde noch Zeit gewährt, und es mußte eben eine Lösung gefunden werden für die vielen Bewohner des Dorfes.

Das Dorf war nämlich schnell weiter gewachsen, die Sterne purzelten nur so über die Straßen. Die Menschen hatten sich viel zu sagen, und auch die Kontakte zu anderen Dörfern dieser Art wurden immer zahlreicher. Es waren in der Zwischenzeit nämlich auf der Welt noch ähnliche Dörfer entstanden. Mama-Ela hatte Unterstützung bekommen, da sie es nicht mehr alleine geschafft hatte, sich um alle Sorgen und Nöte der Bewohner selbst zu kümmern. So waren die beiden K.R.N-Schwestern ins Dorf gekommen, die stets zu einem netten Wort bereit, dem lebhaften Dorfleben neuen Schwung verliehen hatten.

Doch schwebte ja die Drohung des Umzugs wie das berüchtigte Schwert des Damokles über dem Dorf und seinen Bewohnern. Um nun das Dorf zu retten, ja sogar, um seine Idee vorzutragen, noch mehr von solchen Dörfern zu gründen, machte sich Fimmius I auf in eine Gegend mit noch höheren Türmen, die noch prunkvoller gebaut waren als die Türme zum Erwerb des reinen Wissens. Jene Türme hatten nämlich einen anderen Zweck als letztere, und zwar den, dafür zu sorgen, daß alles seine Ordnung hatte in dem großen Reiche, zu dem auch Fimmius' Turm und das Dorf gehörten. Fimmius klopfte an zahllose Türen, oft verhallte sein Klopfen ungehört, oft wurde er von unerbittlichen Mienen zurückgewiesen bis, ja bis er auf den schlauen Haeuslich traf.

Dieser Haeuslich war sogleich fasziniert von dem Gedanken, es sich in einem Dorf häuslich einrichten zu können, von dem aus er sich, ohne das Haus verlassen zu müssen, über breite silberne Strassen die ganze Welt ansehen konnte. Und so versprach er mitzuhelfen, daß in dem ganzen Gebiet des Reiches, das er von seinem Fenster aus sah - und es war ein großes Gebiet, da sein Fenster sehr hoch gelegen war - viele solche Dörfer gebaut wurden. Ein Plan entstand, neue Straßen für die neuen Dörfer zu bauen, aber auch die vorhandenen Straßen der vielen Elfenbein- und Kristalltürme in dem Reiche mitbenutzen zu können, und es wurde verhandelt, verworfen, wieder verhandelt, neu formuliert und letztlich besiegelt, wie es eben so üblich ist, wenn viele Menschen einen Plan schriftlich niederlegen wollen.

Seltsame Dinge wurden dort beschlossen, etwa, daß Sterne, die nicht das reine Wissen enthielten, sich nur auf einem Drittel der vorhandenen Straßen bewegen dürften. Und damit das auch gewährleistet werde, sollten spezielle Torbögen für diese Sterne auf den Zufahrten gebaut werden und die Straßen mit Sternspuren versehen werden und vieles mehr, was für unsere Geschichte aber nicht von großer Wichtigkeit ist.

Von Wichtigkeit ist vielmehr etwas ganz und gar anderes, Unerwartetes, was sich ebenfalls in dieser Zeit ereignete, und was besonders die silbernen Straßen betraf. Unter einem neuen Zeichen nämlich, dem Zeichen des dreifachen Doppel-V's (dem Doppel-Victory-Zeichen) war um die Gebiete der Türme des Wissens herum ein neues Straßennetz entstanden, das völlig anders geartete Häuser mit neuartigen Öffnungen miteinander verband. Diese Öffnungen waren viel größer und benötigten viel mehr Pflege als die älteren. Auch konnten sie zu gänzlich neuen Zwecken benutzt werden, wie dem, große materielle Reichtümer anzuhäufen. Dieses Streben hatte weder auf den Straßen der Türme des Wissens noch in den uns bekannten Dörfern bisher eine Rolle gespielt.

JJetzt entstanden, durch die neuen Straßen miteinander verbunden, viele Ansiedlungen nach den Erfordernissen der dreifachen Doppel-V-Öffnungen. Und auch manch einer der Einwohner unseres alten Dorfes verlangte danach, Häuser mit den neuen Öffnungen zu bekommen. Für den Umzug des alten Dorfes war in den Beschlüssen des schlauen Haeuslich ein Gebiet bestimmt worden, das gerade außerhalb des Grenzzauns der Türme des Wissens, und trotzdem nahe an dem Turm des Fimmius gelegen war. Dieses Gebiet sollte nun zunächst für die Errichtung eines neuen Dorfes nach den Doppel-V-Erfordernissen verwendet werden. Die Bauleitung erhielt das muntere Scherzvogel-Team, dem in der darauffolgenden Zeit, trotz der vielen großen Probleme, die Lust Scherze zu machen - der Fee sei Dank - nicht ganz abhanden kam, wenn auch manche die Scherze immer makaberer auszufallen schienen.

Die Arbeit schritt rasch voran und das neue Dorf begann Gestalt anzunehmen. Es machte nun seltsamerweise aber irgendwie einen ganz anderen Eindruck als das alte; die Häuser waren größer, da sie viel größere Öffnungen aufweisen mußten und bereiteten den Bewohnern viel mehr Arbeit; deshalb hatten sie auch weniger Zeit sich zu unterhalten als früher. Sie machten sich eher Gedanken darüber wie ihre Öffnungen für die erwarteten Besucher am vorteilhaftesten aussähen. Auch waren viele Bewohner von einer anderen Art als die des alten Dorfes: sie hatten nämlich häufig mehrere Wohnsitze, und so hielten sie sich nicht so oft in den Häusern dort auf. Auch reisten sie gerne zu anderen Dörfern, aber eher um die Öffnungen zu bestaunen, die die Bewohner gestaltet hatten als mit den Bewohnern direkt zu plaudern.

Auch tauchten im neuen Dorf Menschen mit bisher unbekannten, sehr merkwürdigen Ideen auf, wie etwa Germanius Gruendlich, der genaue Vorstellungen davon hatte, wie sich das Leben im Dorf gestalten sollte und der Pläne für die Errichtung von vielerlei Schranken auf den silbernen Straßen entwarf, welche sich erst nach Zahlung eines bestimmten Obolus öffnen sollten. Und die Landschaft außenherum hatte sich verändert; eine Stadtlandschaft von zerstreuten Ansiedlungen mit vielen buntschillernden großen Öffnungen inmitten eines dichten Silber-Straßennetzes war entstanden, deren Benutzung viel Geld kostete und das jetzt vielen verschiedenen Zwecken diente. Doch auf Grund der Haeuslich-Beschlüsse konnten unsere beiden Dörfer noch immer (über die erwähnten Beschränkungs-Tore) an die Straßen der großen Türme angeschloßen bleiben.

Und dann, am 3. Geburtstag des alten Dorfes am Ende des 6. Jahres des letzten Jahrzehnts des 2. Jahrtausends stand auch dessen Umzug mit all seinen Häusern und Bewohnern in die neue Gegend hinter dem Grenzzaun unmittelbar bevor. Solange es noch Bewohner hätte, die gerne in ihm lebten, sollte es seine alte Gestalt in einer neuen Landschaft weitgehend beibehalten. Die Zeit sollte zeigen, was letzlich aus ihm würde.

Jedenfalls galt für das alte wie für das neue Dorf, daß die Miterbauer und -bewohner sich aus ganzem Herzen wünschten, daß es Dörfer, errichtet und gestaltet von seinen Bewohnern für seine Bewohner, bleiben würden; Dörfer, welche, trotz des Soges des dreifachen Doppel-V's sich eher viele bunte Öffnungen anzusehen als mit den Bewohnern selbst in Kontakt zu treten, ein reiches, lebendiges lokales Leben aufwiesen.




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Das FEN Survival Kit
© 1996, 1997 by Micha Matschke