"Rock Musik Lexikon"
(TAURUS PRESS, Hamburg)
Gary Numan
An der kühlen, distanzierten Persönlichkeit von Gary Numan rieben sich seine Anhänger und Kritiker. Die Einen sahen in ihm die "aufregendste, innovativste Figur des 80er Jahre Pop" (NEW MUSIK) und bewunderten ihn als Vorreiter der New Romantic-Bewegung, während die Anderen ihn als ordinären David Bowie-Plagiator ablehnten und seinen Aufstieg auf "clevere Manipulation und ausgeprägte Sammlerleidenschaft für fremdes Ideengut" (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG) zurückführten.
Tatsache bleibt, daß der umstrittene Star 1979/80 weltweit Goldene Schallplatten kassierte und nach wie vor zumindest auf dem britischen LP-Markt zu den Umsatzgaranten zählt. Die Absicht, zum wegweisenden Trendsetter dieses Jahrzehnts zu avancieren, konnte Numan bislang freilich nicht verwirklichen. Dafür lieferte er "die ideale Background- Musik für die Space-Invaders-Generation" (MELODY MAKER), blendete die Szene mit einem perfekten Styling und begeisterte vor allem jüngste Fans durch die düster-romantische Auro des leidenden Helden.
Im Konzert faszinierte er sein Publikum in Amerika, Australien und Europa dank einer "exzentrisch flackernden Bühnenarchitektur" (MUSIK EXPRESS), die Numans Interesse an Elektronik und modernen Technologien visuell verdeutlichte. Ein Interesse, das sich auch in Musik und Text ausdrückte. Der "Roboter-Gigolo" (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG) sang von Retortenbabies, Androiden, Sex mit Maschinen und verlieh seinen Kompositionen zwischen Synthie-Wabbeleien, Trockeneis und Neonlicht grundsätzlich eine depressive, melancholische Stimmung. Numan war bei allen Projekten verantwortlich für Produktion, Arrangements und Texte, bediente allerlei Keyboards und spielte Gitarre (1982 auch als Gast bei Robert Palmer).
Schon zu Zeiten seiner Gruppe "Tubeway Army" stand allein die Person Gary Numan im Mittelpunkt, weil er es von Anfang an "eben vorzog, ein berühmter Solo-Star zu werden" (Gary Numan).
Geboren am 8. März 1958 im Londoner Stadtteil Hammersmith bildete Numan im Frühjahr 1977 mit seinem Onkel Jess Lidyard (dr), Paul Gardiner (b) und finanzieller Unterstützung seines Vaters die Urform von "Tubeway Army". "That's Too Bad" und "Bombers", die ersten beiden Singles, erregten nirgendwo Interesse. Ebensowenig die Debüt-LP samt ihrem "müden, uninspirierten Post-Punk" (ROLLING STONE). Da sich auch die Live-Arbeit wenig erfreulich gestaltete, gab Numan desillusioniert vorübergehend auf.
Im August 1978 nahm er mit den gleichen Musikern neue Demos auf, die das Label Beggars Banquet für veröffentlichungswürdig hielt. Die Single "Down In The Park" dokumentierte die Wiedergeburt von "Tubeway Army" im März 1979. Wenig später folgte das Album "Replicas" inklusive dem Monster- Hit "Are Friends Electric?" Der "frigide Synthesizer-Tanzhit" (TROUSER PRESS) stürmte vor allem die Charts in Europa und Australien und verkaufte sich allein in Großbritannien rund 700.000 mal. Mit dem Nachzieher "Cars", der im Februar 1980 den bis dahin unerschlossenen US-Markt überraschte, ließ Numan die Bezeichnung "Tubeway Army" endgültig fallen und tauschte seine Musiker beliebig aus, um unbehelligt seine egoistischen Absichten zu verwirklichen.
Bei seinem "Trib ins Nichts" (SOUNDS) bot er sanfte, einschmeichelnde, zuweilen bedeutungsvoll aufgeblasene Harmonien, verfolgte mit einem manischen Technik-Trip simpelste Pop-Melodien und schickte über die Bühne eine komplett durchkalkulierte Show, die spontane Kommunikation und Improvisation von vornherein ausschloß. Zur erfolgreichsten Tour-Crew (zu hören auf den Alben "Live Ornaments") gehörten Gardiner, Chris Payne (vi,key), Russel Bell (g), Cederic Sharpley (dr) und von "Ultravox" Billy Currie (syn). Bell, Payne und Sharpley versuchten 1981 mit "Dramatis" eigene Mainstream-Pop-Wege zu gehen. Das Unternehmen scheiterte nach nur einer LP.
Im gleichen Jahr nahm Elektronik-Zauberer Numan u.a. mit Roger Taylor ("Queen") und Mick Karn ("Japan") das Album "Dance" auf, das als "Hommage an Brian Eno" (NEW MUSICAL EXPRESS) vollkommen untanzbar ausfiel. Der "klinische Soundbrei" (SOUNDS) bestätigte Numan einmal mehr als "Trivialisten mit großen Fähigkeiten" (ROLLING STONE). Seine statischen Sound-Konstruktionen zeigten allerdings Abnutzungserscheinungen. Single-Bestseller blieben aus, Numan nahm weitgehend Abschied vom Tournee- und Konzert-Stress und fertigte "monotone, klinisch- perfekte Spektakel" (MUSIK EXPRESS) künftig fast nur noch inmitten kompliziertester Studio-Technik: Elektronik, die Numan auf einen gemeinsamen Nenner brachte, zu Pop-Minimalismen reduzierte und mit einem eindringlich-ausdruckslosen Metall-Gesang ausstattete.
Bei "I, Assassin" versuchte er diesen Stil dem "Trend der angesagten Mode" (TROUSER PRESS) anzupassen - doch sein Sound wirkte langweilig und hoffnungslos nostalgisch. Seine Plattenfans blieben ihm jedoch treu. Absolute Spitzenverkäufe gelangen der "Menschmaschine" (MUSIK EXPRESS) zwar nicht mehr, aber seine LP-Projekte plazierten sich regelmäßig unter den englischen Top 10. Das konnte auch die zeitlos feindselige Musik-Presse nicht verhindern, obgleich "Warriors" den Beleg lieferte, daß Numan nie ein "erneuerndes und auch kein naives Spiel mit Zukunftsängsten, Maschinenmusik und Bühneneffekten" (SOUNDS) inszenierte, sondern allenfalls "Computer-Kitsch auf Trockeneis" (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG) servierte.